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Tsam-Tanz, schamanistische Traditionen, Masken und Götter

Mongolei/Ulan Bator — 03.08.2011

Während ich wie jeden Tag in unserer Wohnung sitze um über unsere Erlebnisse zu schreiben macht sich Tanja gleich am Morgen auf um mit den Trackingnummern unsere Pakete aufzuspüren. „Sie sitzen noch in Peking fest“, sagt sie mich am Handy anrufend. „Also haben wir eine gute Chance sie vor unserer Weitereise nach Erdenet zu bekommen“, hoffe ich. „Wenn wir Glück haben. Wie kommst du mit dem Schreiben voran?“ „Schritt für Schritt. Reißt einfach nicht ab. Wir sollten etwas weniger erleben dann muss ich nicht zu viel schreiben“, scherze ich. „Ist das Update schon in der Webseite?“, interessiert es mich. „Ja aber die Bilder noch nicht. Da müssen sie noch was Spezielles programmieren. Das haben sie uns für kommende Woche versprochen.“ „Okay, wird schon klappen. Triffst du dich jetzt mit Togtokh?“ „Ja, wir gehen mal zur Hauptpost und prüfen ob eines der Pakete mittlerweile angekommen ist. Togtokh möchte danach mit mir zum Notar gehen. Ich bekommen dann eine notariell beglaubigte Erlaubnis um auch ohne Togtokhs Anwesenheit Pakete von ihrer P.O.Box abzuholen.“ „Na dann viel Spaß“, sage ich, worauf wir das Gespräch beenden und ich weiter schreibe.

In der Wohnung ist es recht kühl. Somit bekomme ich von dem Sommer draußen kaum etwas mit. Tanja ruft später wieder an und sagt mir wo ich Togtokh und sie zum Mittagessen treffen kann. Ich nehme mir eine Fleecejacke mit und bin überrascht wie heiß es ist. In einem Restaurant befriedigen wir unseren Hunger und machen uns mit unserer mongolischen Freundin auf um den ehemaligen Sitz des Staatsorakels, das Kloster des Choijin Lamas, aufzusuchen.

„Hier findet man die bedeutenden Sehenswürdigkeiten von Ulan Bator“, sagt Togtokh freundlich und erklärt uns dass 1938 die Mönche unter dem Vorwurf, eine Konterrevolution zu planen, verjagt und meist auch ermordet wurden. Mitten in der Großstadt, bedrängt von Hochhäusern und sich im Bau befindliche Hochhausgerippe, ducken sich doppelstöckige, geschwungene Dächer, die eher aussehen wie chinesische Pagoden als buddhistische Gebäude. Ihre rotbraunen, aus Ziegelstein gemauerten Giebel, tragen verwitterte graue Ziegel. Erstaunt, im hektischen Treiben des Zentrums, so eine Oase des Friedens zu finden, wandeln wir durch die kleine Anlage die heute ein Museum des Buddhismus ist. „Schau dir das da oben mal an“, flüstert Tanja. Ich lege meinen Kopf in den Nacken, sehe zur Decke und erblicke auf einem großen Gemälde an Gedärmen zusammengebundene Menschenkörper denen die Gliedmaßen und der Kopf abgetrennt wurde, oder an denen Herz, Lungen, Nieren und andere aus dem Menschen herausgerissene Organe hängen. „Mein Gott, das sieht ja gruselig aus“, flüstere ich. Aus unserem Reiseführer erfahren wir, dass der damalige Lama Choijin Luwsankhaidaw hier den Schutzgott Choijin anrief. Choijin bedeutet Schutzgott der Religion. „Hier steht, dass diese Bilder zeigen sollen wie man mit den Feinden der Religion umgeht und das diese Darstellungen die gewaltige Macht des Choijin zeigt, aber auch verdeutlicht, dass jedes Leben endlich ist. Sie sollen den Sündern und Ungläubigen zeigen was sie in der Hölle zu erwarten haben“, lese ich leise.

Lange wandeln wir durch die mystisch wirkenden Gänge und betrachten weitere beeindruckende Wandteppiche, übergroße Skulpturen und zahlreiche Tanzmasken von denen manche einem das Fürchten lehren. In dem Vorraum des Tempels bewundern wir die Religionsschutzgötter, die die vier Himmelsrichtungen symbolisieren und beherrschen sollen. Sie wurden als die vier großen Könige verehrt die folgende Bedeutung hatten: Freude bereiten, Mitleid haben, Almosen geben und Menschen bzw. Religionen beschützen.

Plötzlich dringt fremdartige mongolische Musik durch die Tempelwände in das Innere der heiligen Räume. Neugierig folgen wir den Klängen und treffen auf eine Tanzaufführung. Wir setzen uns auf eine der Bänke und lauschen den jungen Musikern, den Klängen der Morin Chuur, einer Fidel, deren Hals in der Form eines Pferdekopfes geschnitzt ist und den interessant klingenden Kehlkopfgesang, der traditionell nur von Männern erlernt werden darf. Wir sind fasziniert von dem Tsam-Tanz bei dem es sich um ein kompliziertes Ritual handelt in dem sich tantrische und schamanistische Traditionen vereinen. Stunden später verlassen wir den Platz des Ausfluges in eine fremde Welt und befinden uns wieder auf der von Autos beherrschten, staubigen Straße. „Komm lass uns in das Restaurant da oben gehen“, schlägt Tanja vor. „Hm, müsste eigentlich die gerade geschossnen Bilder archivieren.“ „Du kannst nicht immer arbeiten Denis. Jetzt gehen wir da rauf, lassen den schönen Tempel nachwirken und genießen den Abend.“ „Okay, hast mich überzeugt“, antworte ich. Minuten später lassen wir uns an einen der Tische nieder von dem man über die in der Abendsonne golden leuchtenden Dächer des Chijin-Lama-Klosters blicken kann.