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Nach 18 Tagen arktischer Kälte

Mongolei/Tuwa Camp — 04.02.2012 - 05.02.2012

Wie bald jeden Tag stapfen wir durch die nahen Wälder um nach umgefallenen Bäumen zu suchen. Obwohl die Tuwa dieses Wintercamp schon seit drei Jahren nutzen und viele Bäume bereits geschlagen sind, ist es kein Problem genügend Feuerholz zu finden. „Hier liegt ein alter Stamm. Den können wir zersägen“, sage ich. „Und du bist dir sicher dass er nicht von einem der Tuwamänner gefällt wurde?“, fragt Tanja. „Ganz sicher. Schau dir die Wurzeln an. Er ist eindeutig von selber gefallen. Wahrscheinlich von einem Sturm umgelegt“, antworte ich. Mit der Motorsäge mache ich mich daran ihn in tragbare Stücke zu zerkleinern als Tanja plötzlich zwei Hunde entdeckt, die durch den Wald streifen. „Erkennst du sie?“, frage ich. „Nein, sind eindeutig keine Hunde vom Camp.“ „Aber wem sollten die Hunde gehören wenn nicht den Männern?“ „Es kamen auch Tuwa aus Tsagaan Nuur. Erinnerst du dich?“ „Klar.“ „Sie haben eventuell ihre eigenen Hunde mitgebracht“, überlegt Tanja. „Meinst du die Hunde sind die Vorhut der zurückkommenden Rentiernomaden?“ frage ich. „Könnte sein“. „Na dann lass uns ihnen entgegen gehen!“

Da wir jeden Tag mit ihrer Heimkehr rechneten haben wir unsere Kameras zur Waldarbeit mitgenommen, um die Ankunft der Männer in Bild und Film festhalten zu können. Wir lassen die Motorsäge und Axt am Baumstamm liegen und sprinten so gut es der Schnee und die darunter versteckten Felsen zulassen den Hügel hinunter, auf dem die Taigabewohner ihr Lager errichtet haben. Tatsächlich erhaschen wir zwischen den teils vereisten Bäumen Bewegungen. „Sie sind es!“, ruft Tanja leise. Wir reißen unsere Kameras aus den Taschen und hasten weiter. „Saijn bajna uu! Saijn bajna uu!“, („Guten Tag! Guten Tag“) rufen wir den beiden Männern freudig entgegen und halten unseren Daumen nach oben. Galaa von Tipi zwei lacht uns an. Sein Gesicht ist von der Wintersonne regelrecht gegerbt. Im schnellen Schritt trippeln seine sechs Rentiere an uns vorbei. Während Galaa auf einem der Tiere reitet führt der andere sein beladenes Rentier hinter sich her. Er trennt sich von seinem Kameraden und schlägt einen Haken nach links. Offensichtlich nimmt er eine Abkürzung.

Wir wundern uns wo die anderen 11 Männer verbleiben und laufen die Anhöhe bis zur Lichtung hinunter. „Da ist jemand“, sage ich auf einen roten Flecken deutend der durch das Geäst schimmert. „In der Tat“, meint Tanja. Als wir näherkommen erkennen wir Ultsans Onkel Bayandalai der ausgestreckt im Schnee liegt. „Oh Gott! Ihm wird doch nichts geschehen sein?“, rufe ich, worauf wir losrennen. Als wir ihn erreichen richtet er sich auf und lacht uns an. „Alles klar mit dir?“, fragt Tanja besorgt. „Sain“, („Gut“) sagt er seinen Daumen der rechten Hand nach oben streckend. „Ich ruhe mich nur ein bisschen aus. Meine Knie schmerzen“, erklärt er. „Wo sind denn die anderen? Es ist hoffentlich alles in Ordnung?“, fragen wir. „Tijmee tijmee. (Ja, ja) Einige werden in ein paar Stunden kommen. Der Rest erreicht das Camp morgen oder übermorgen“, erklärt er. Wir bieten ihm eine Zigarette an die er dankbar annimmt und sofort ansteckt. Genüsslich inhaliert er den Rauch. Dann erhebt er sich und steigt mit uns die Anhöhe zum Camp nach oben.

Am Abend erreichen weitere Reiter mit ihren schwer beladenen Tieren unser Lager. „Was haben sie da auf die Tiere gepackt?“, fragt Tanja. „Keine Ahnung. Sieht aus wie Steine. Vielleicht haben sie Jade gefunden?“, vermute ich. „Ist das Jade?“, frage ich Shagai der mit schmerzverzerrtem Gesicht die vereisten Seile löst mit denen die groben Brocken auf den Lastensätteln der Hirsche gebunden sind. „Tijmee“, antwortet er schwer schnaufend. „Alles klar mit dir?“, frage ich. „Mein Rücken. Ich habe mir meinen Rücken verletzt“, antwortet er gekrümmt zum nächsten Rentier laufend, um es ebenfalls von seiner 80 Kilogramm Jadeladung zu befreien. „Rumms!“, knallt das Gestein auf den hartgetretenen Schnee und verfehlt nur um wenige Zentimeter die ausladenden Hufe des Tieres.

Nachdem alle Lastentiere entladen sind und die Steine und Ausrüstung wild verstreut auf dem Schnee herumliegen, gehen die ausgefrorenen und hungrigen Nomaden in das Tipi von Saintsetseg. Sie freuen sich über die Wärme des Feuers und essen heißhungrig Brot und Boortsog. Bayandalai haut seine Zähne in ein Brot mit Zucker und trinkt heißen, gesalzenen Milchtee. Dabei erzählen sie von ihren Erlebnissen der letzten 2 ½ Wochen. „Sechs Männer sind noch beim Zaun. Sie benötigen weitere zwei Tage, um die Barriere fertizubauen, und werden übermorgen kommen. Wir haben schon seit Tagen nichts mehr zu Essen. Weil wir länger unterwegs waren als wir dachten sind unsere Nahrungsvorräte verbraucht. Die Hungrigsten von uns sind schonmal aufgebrochen. „Wie geht es meinem Ultsan?“, fragt Tsaya, da er einer der sechs Kameraden ist die noch in der Wildnis verblieben sind. „Ihm geht es gut“, antwortet Shagai.

Es dämmert bereits als einer der Tuwa mit seinen Rentieren das Camp verlässt. „Er bringt seinen Gefährten Nahrung und holt weitere Jadesteine“, erklärt Tsaya. „Die Männer haben viel Jade gefunden“, meine ich. „Das ist nicht unsere Jade. Die Rentiere wurden von Mongolen gemietet die dort draußen im Tagebau Jade gewinnen. Der Weg zu unserem Camp ist kürzer als wenn sie von dort aus nach Tsagaan Nuur reiten würden. Noch heute Abend wird ein Allradbus kommen, um die Steine ins Dorf zu transportieren.

Es ist erst Vormittag als wir am kommenden Tag das vom frostigen Schnee verursachte knirschende Getrappel vieler Rentiere vernehmen. Wie angekündigt reiten sechs Tuwa mit ihren beladenen Lasttieren ins Camp. Alle Bewohner der Basis kommen aus ihren Tipis und Blockhütten, um ihnen beim Abladen zu helfen. Tsaya ist überglücklich nach 18 Tagen ihren Ultsan in die Arme nehmen zu können. Gemeinsam entladen sie ihre müden Tiere. Jeder der Hirsche ist mit ca. 80 Kilogramm der wertvollen Jadesteine beladen. Das Treiben auf dem von Bäumen befreiten Platz vor den zwei Blockhütten und unserer Jurte ist geschäftig. Frauen lachen und Männer rufen. Manche schlichten ihre Jadesteine auf einen Haufen. Ultsan lässt seine an seinem Blockhaus. Der Atem von Mensch und Tier dampft in der eisigen Luft, wabert als weiße, sich ständig verformende Wolke über dem Geschehen, bis sie von der Kälte regelrecht gefressen wird. Das Thermometer steht trotz wunderbaren Sonnenschein auf minus 28 °C. Der Anblick der vielen, meist weißen Rentiere, und der eifrig arbeitenden Menschen, ist kaum zu beschreiben und versetzt uns in eine vergessene Zeit.

Tanja lädt die Männer zu Tee und Keksen in unsere Jurte ein. „Tschin setgeleesee bajrlalaa“, bedanken sie sich herzlich. Wenig später sitzen Ganaa und Sumber in unserem Heim und freuen sich über das heiße Getränk. „Muss ganz schön kalt gewesen sein?“, frage ich. „Oh ja. Es war sehr kalt. Vor allem in der Nacht“, antwortet Ganaa. „Das Thermometer ist bis auf minus 43 °C gefallen. Gott sei Dank habt ihr euch nichts erfroren“, setze ich mein Gespräch fort. „Oh doch. Ich habe mir an beiden Händen meine Finger erfroren“, antwortet Ganaa uns seine schlimm aussehenden Hände entgegenstreckend. „Oh weh. Das sieht ja furchtbar aus“, meint Tanja mitfühlend. „Ist nicht so tragisch wie es aussieht. Sie werden wieder“, lacht er.

Es ist bereits 20:00 Uhr als Tsaya und ihr Ultsan in unserer Jurte auftauchen. „Hallo Ultsan. Wie geht es dir?“, fragen Tanja und ich gleichzeitig. „Jetzt, wo ich meinen Bärenhunger gestillt habe prima“, antwortet er lachend sich auf den kleinen Klapphocker niederlassend. War ein harter Trip?“, frage ich. „Tijmee“, („Ja“) sagt er leicht stöhnend. „Vor allem der Hunger hat uns ein wenig zu schaffen gemacht. Ich hatte einen Sack Kekse in einer Astgabel gefunden“. „Kekse?“, unterbreche ich ihn überrascht. „Tijmee. Die muss dort irgendwer hingehängt haben. Ich habe sie sofort aufgegessen. Danach ging es mir nicht gut. Waren wahrscheinlich schon recht alt.“ „Wahrscheinlich der Grund warum der Besitzer sich der Kekse entledigt hatte. Nur gut, dass du dir dort draußen keine Lebensmittelvergiftung zugezogen hast“, sagt Tanja, worauf er müde nickt.

„Puh ist das warm bei euch. Bin ich gar nicht mehr gewöhnt.“ „Na heute Nacht wirst du sicherlich gut schlafen. Tsaja wird dich bestimmt wärmen“, sage ich schmunzelnd. „Ha, ha, ha. Ich hoffe“, antwortet er, worauf Tsaya ihn mit glänzenden Augen ansieht. „Ich bin so froh ihn wieder bei mir zu wissen“, meint sie ihm durch seine kurzen Haare streichend. „Wir sind auch erleichtert Ultsan heile und an einem Stück wiederzusehen“, antworte ich. Und frage wie es mit dem Zaunbau voranging. „War mehr Arbeit als wir alle dachten. Um das Tal abzusperren mussten wir von einem Felsmassiv zum anderen eine Barriere von etwa zwei Kilometer errichten.“ „Zwei Kilometer? Das ist ja gewaltig“, pruste ich. „Wir benötigten viele Äste und Strauchwerk, um das bis zu zwei Meter hohe Gebilde zu bauen. Aber jetzt kommt dort keines unserer Rentiere mehr heraus.“ „Shagai hat mir erzählt das der Zaun auch Wölfe abhält. Stimmt das?“ „Wenn der Wolf keine Witterung von unseren Tieren aufnimmt schon. Aber es kommt vor das der Jäger über die Felsen ins Tal gelangt. Da können wir nur hoffen und uns auf den Schutz der Götter verlassen. Dieses Jahr hat sich unsere Herde sogar vermehrt.“ „Was? Wie geht das denn? Ich dachte die Neugeborenen kommen erst im April?“, wundere ich mich. „Es gibt dort draußen auch wilde Rentiere. Zwei von ihnen haben sich unserer Herde angeschlossen“, erklärt er lachend.

Auf euren Rentieren habt ihr viele Jadesteine mitgebracht. Ist es schwer diese wertvollen Steine zu finden?“, möchte ich wissen. „Wenn man weiß wo die Jadevorkommen liegen nicht. Aber ich werde euch morgen davon berichten. Heute bin ich hundemüde“, entschuldigt er sich. „Klar. Ruh dich aus. Lass dich von deiner Frau wärmen und habe schöne Träume“, sagen wir zum Abschied.

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