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Tipi-Besuche oder Blicke in die Vergangenheit

Mongolei/Tuwa Camp — 04.01.2012 - 06.01.2012

Nach der Eingewöhnung und des sich gegenseitig Beschnupperns wird es höchste Zeit den einzelnen Tipis einen Besuch abzustatten. Weil wir nicht mit leeren Händen kommen wollen stellt Tanja für jedes Zelt und deren Bewohner etwas zusammen was für sie hoffentlich von Nutzen oder zur Freude ist. „Hast du die Seile eingesteckt?“, fragt sie. „Habe ich“, antworte ich die Tür unserer Jurte schließend. Wir folgen den schmalen Schneepfad und suchen Tipi drei auf in dem die 54 jährige Darimaa und ihren Mann Ovogdorj leben. Wie es Anstand und Sitte erfordern machen wir uns mit lauten Schritten und einem Ruf bemerkbar bevor wir das Tipi betreten. Die beiden lachen als wir den aus grober Zeltbahn bestehenden niedrigen Eingang heben und in das dunkle Innere treten. „Setzt euch“, sagt Darimaa auf die links des blechernen Kanonenofens kauernde Schlafstelle deutend. Wir lassen uns auf die derben Bretter nieder, die sich nur 10 Zentimeter über den Boden befinden. Eine Decke und ein Wildschweinfell, die als Matratze und Zudecke dienen, liegen darauf. Darimaa reicht uns eine Schüssel mit Brot und schenkt uns sogleich Tee in zwei Schalen ein. Er schmeckt salzig. Da es zu dieser Jahreszeit keine Rentiermilch gibt ist er schwarz. Darimaa und Ovogdorj sitzen uns gegenüber auf einer Bettstatt die ebenfalls nur aus groben behauenen Brettern dicht über den Boden errichtet wurde. Während wir uns rudimentär unterhalten legt Ovogdorj Holz in den Ofen der in der Mitte des Zeltes und sich somit zwischen uns befindet. Gegenüber dem Eingang, ebenfalls direkt an der Zeltwand, duckt sich eine dritte Schlafstelle gleicher Bauart. Der Fußboden ist mit groben Holzerbrettern ausgelegt durch dessen Schlitze und Spalten der Waldboden zusehen ist. In seiner Mitte ist eine Aussparung, groß genug für den aus Blechstücken zusammen genieteten, schwer verbeulten Ofen, der auf derben Steinen steht und eine brüllende Hitze abgibt. Links und rechts des Eingangs ist gehacktes Holz geschlichtet. Meist ist dieser Vorrat für den Abend, den Morgen oder schlechten Wetter bereitet.

Während Tanja sich von Ovogdorj den Knoten zeigen lässt mit dem die Rentiere angebunden werden, lasse ich meine Blicke neugierig kreisen. In meinem bisherigen Reiseleben habe ich viele Urvölker besucht. In Westneuguinea durfte ich die mit Blättern gedeckten Holzhütten der Yalis bewundern. Damals noch ein rituell kannibalistischer Volksstamm. Ich lebte in Schabonos, den Rundbauten der Yanomami-Indianern im Urwald von Venezuela. Verbrachte Wochen in den aus Blättern und Holz errichteten Hütten der Auca-Indianern in Ecuadorianischem Dschungel. Wohnte in den Lehmhütten der Wai-Wai-Indianer in ehemalig britisch Guyana an der Nordküste Südamerikas und vielen weiteren fremdartigen Behausungen, die sich Menschen unterschiedlichster Kulturen und Rassen errichten, um darin zu leben. Bisher allerdings habe ich noch nie ein sich in Betrieb befindliches Indianerzelt von innen gesehen. Etwa 20 Holzstangen ragen stativartig geschätzte drei Meter in die Höher. Sie tragen eine grüne, grobe Zeltbahn die soweit wir vernommen haben von der Regierung gestiftet wurde. Noch vor wenigen Jahren nutzten die Tuwa als Zelthaut Felle, Stoff, vielleicht auch Rinde. Die Spitze, aus der die Zeltstangen herausragen, ist offen und die Zeltbahn ist manchmal nach unten umgeschlagen, so dass sie eine Art Schornstein bildete. Durch ihn ist das blecherne Ofenrohr gesteckt. Vor Jahren, als es die billigen Blechöfen noch nicht gab, zog der Rauch des im Zentrum des Zeltes befindlichen Feuers nach oben durch das immer offen stehende Loch der ineinander verkreuzten Holzstangen ab.

An den Zeltstangen hängen ein paar alte CD-Scheiben. „Wofür habt ihr denn da CD’s hängen?“, wundere ich mich. „Dadurch bekommen wir einen besseren Empfang mit unseren Handys“, antwortet Darimaa. Der Fortschritt macht auch nicht vor einem Tipi und der Taiga halt, denn nahezu jeder der Tuwa besitzt seit einiger Zeit ein Handy. Auch erkenne ich ein Radio welches neben der Bettstatt auf einem Holzpflock thront. Geladen werden die Geräte mit Solarpanels die vor dem Tipi aufgestellt, an die Zeltbahn oder in die Bäume gehängt sind. Leider hat man den Tuwas bisher nicht erklärt die Batterien mit einem Laderegler zu laden. Sie schließen die ihnen teilweise von der Regierung zu Verfügung gestellten Solarpanels direkt an der Batterie an. Ein Grund warum sie ständig überladen und durch den daran hängenden Verbraucher meist tiefentladen werden. Solch eine Batterie hält dann meist nur ein paar Monate, mit viel Glück ein knappes Jahr. „Ich muss ihnen unbedingt erklären wie man Batterien be- und entlädt“, sage ich zu Tanja auf die Autobatterie deutend die neben dem Radio auf dem kalten Boden steht.

Zum Abschied reicht Tanja Darimaa Räucherwerk und ich Ovogdorj ein Stück Seil, womit er seine Rentiere anbinden kann. „Bairlalaa. Irj irj baigaara“, (Danke. „Kommt wann immer ihr wollt“) sagen sie freundlich lachend.

Da Sainaa, die Tochter der beiden, mit ihrem Mann Hadaa und ihrem vor wenigen Monaten geborenen Töchterchen Undramaa gleich nebenan in Tipi vier wohnen, suchen wir die junge Familie ebenfalls auf. Stolz zeigen sie uns ihre kleine Tochter die oftmals auch auf einer aus Holz geschnitzten Hängewiege schläft. „Warum habt ihr den Eberzahn daran befestigt?“, interessiert es Tanja. „Das verhilft unserem Kind zu einem ruhigen Schlaf und guten Träumen“, erklärt Hadaa. Im Vergleich zum eben besuchten Tipi sind die Zeltbahnwände mit bunten Stoffen abgehängt. Somit fehlt ein wenig die Ursprünglichkeit aber es wirkt zugegeben recht gemütlich. Auch hier überreichen wir zum Abschied ein paar Kleinigkeiten. Sainaa bekommt für ihr Baby ein Flasche Babyöl und Hadaa ein Seil für die Rentiere. Wir werden freundlich verabschiedet und ebenfalls aufgefordert sie wieder zu besuchen.

Auch Buyantogtoh, die Schwester des Schmanen Gamba, empfängt uns freundlich. Als wir ihr Tipi betreten bearbeitet sie gerade ein Stück Fell, um daraus, so erklärt sie, Schuhe zu nähen. Wie gewohnt bekommen wir Tee und diesmal sogar ein paar trockene Kekse angeboten. Buyantogtoh lebt ganz alleine in ihrem schlichten aber sehr ordentlichen Tipi. Im Gegensatz zu den anderen Zelten hat sie auf den Bodenholzbrettern ein großes Stück zusammengeflicktes Leder gebreitet und somit eine Art Fußboden geschaffen.

Im Tipi sieben der Schamanin Saintsetseg, die uns mehrfach täglich mit ihrer Tochter Monkoo besucht, ist es ein wenig chaotisch. Sie ist gerade beim Schneeschmelzen als wir eintreten. Grundsätzlich sieht es in jedem Zelt der Tuwa, schon alleine wegen der gleichen Konstruktion, sehr ähnlich aus. Die einen sind ordentlicher als die anderen. Manche romantischer oder einfacher eingerichtet. Ganz so wie es bei uns Zuhause ist. In Saintsetsegs Tipi hängen zusätzlich viele Stofffahnen, Lederbeutelchen und bunte Ketten im Zeltgestänge. Zeichen dafür das sie als Schamanin oder anders ausgedrückt als religiöser Spezialist die Fähigkeit besitzt mit Geistmächten und Geistern Kontakt aufzunehmen und durch Ekstase in jenseitige Welten zu reisen, um beispielsweise Krankheiten zu heilen oder die noch umherirrende Seele eines Verstorbenen ins Jenseits zu begleiten.

Neben den Tipis befinden sich die Hundenester. Das sind aus Hölzern errichtet kleine Spitzhütten die mit etwas Fantasie Ähnlichkeiten mit einem Tipi besitzen. Hier leben die Jagdhunde der Tuwa. Sie werden von ihren Herren geliebt, trainiert, gut genährt und sind für eine erfolgreiche Jagd von elementarer Wichtigkeit. Manchmal dürfen sie auch ins Tipi, um sich für kurze Zeit am Feuer des Ofens zu wärmen. „Schau dir die Kleinen an“, sagt Tanja verzückt einen der Welpen auf den Arm nehmend. Sie herzt und streichelt das Wollknäuel. Dann setzt sie ihn wieder ab worauf er quietschend in sein Hundenest wackelt, um es sich darin bequem zu machen.

Auf dem Weg zurück laufen wir an den verschiedenen Hochständen vorbei worauf die Tuwa ihr Fleisch, Vorräte und andere Besitztümer sicher vor Wölfen und Hunden lagern. Die Sonne ist schon untergegangen. Lärchen strecken ihre nadellosen Äste in die Dämmerung und den wolkenlosen Himmel. Der Mond steht schon hoch und schimmert wie ein überdimensional großer Stern durchs Geäst. Rauch steigt aus den Spitzen der Tipis als die Nacht in die Himmelswölbung greift. Der Schnee knirscht unter unseren Füßen und uns ist mit jedem Schritt bewusst eines der letzten Paradiese der Menschheit gefunden zu haben. Aber uns ist natürlich klar, dass sich diese Aussage auf die optische Wahrnehmung begrenzt. Das Dasein eines jeden hier lebenden Menschen würde ein dickes Buch füllen. Ein Buch indem Dramen und Tragödien große Rollen spielen.

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Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.