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Technischer Supergau

Mongolei/Tsagaan Nuur Camp — 27.11.2011 - 01.12.2011

Als hätte ich die ganze Nacht nicht geschlafen wache ich wie gerädert auf. In einer unaufhörlichen Dauerschleife führe ich fruchtlose Streitgespräche mit der Bürgermeisterin der Tuwa. In meinem Traum versuche ich ihr immer wieder zu erklären, welch schwacher Sinn es ist, bei einem Volk, welches bereits zum großen Teil in Jurten lebt, nicht mehr den Wunsch wecken zu können in solchen leben zu wollen. Sie tun es bereits. „Abgesehen davon hat deine Regierung deinem Volk Jurten geschenkt. Also kannst du ihnen nicht verbieten diese aufzustellen“, erkläre ich. Nachdem ich mir bei der sturen Person den Mund fusslig gesprochen habe wache ich schweißgebadet auf. Meist sind Träume Schäume, nur als ich meine Augen aufschlage bleibt der Traum ein Teil dieses Morgens. Oder anders ausgedrückt, der Schaum des Traumes ist meine Realität.

Missmutig erhebe ich mich vom Wandan und entfache in unserem Ofen ein wärmendes Feuer. In unserer Jurte hat es um 8:00 Uhr ca. minus 10 °C. Schnell wird es wärmer. Ich stelle unseren Wasserkessel auf die Herdplatte, kehre wie jeden Morgen den herein getragenen Schmutz zusammen und möchte mich eigentlich wieder hinlegen bis es hell wird. „Ach was soll’s“, sage ich und schalte den Laptop ein da ich mit dem Schreiben unserer Erlebnisse massiv hinterherhinke.

Es dauert verdächtig lange bis der Rechner hochfährt. „Wird an den niedrigen Temperaturen liegen“, denke ich und schalte ihn vorsichtshalber wieder aus. Dann wärme ich das gute Stück in den Händen haltend über den Ofen ein wenig auf. Als ich ihn erneut hochfahre bootet er nicht mehr und auf dem schwarzen Bildschirm kommt einer Fehlermeldung. „Das kann doch nicht wahr sein!“, fluche ich ungehalten. „Was denn?“, fragt Tanja gähnend und sich im Schlafsack rekelnd. „Na unser Notebook hat soeben ein für alle mal den Geist aufgegeben.“ „Was? Das glaube ich nicht. Er wird bestimmt wieder funktionieren wenn es ein wenig wärmer hier drinnen ist.“ „Nein, da hat sich die Festplatte gefressen. Das ist für mich eindeutig. Diesmal erholt er sich nicht mehr“, sage ich mit hohem Pulsschlag, da mir mit jeder weiteren verstreichenden Minute die Tragweite dieser technischen Tragödie klar wird. „Und was machen wir jetzt?“, fragt Tanja. „Woher soll ich das wissen?“ „Vielleicht kann man ihn hier in Tsagaan Nuur reparieren lassen?“, überlegt Tanja. „Hier in diesem Dorf? Halte ich für unmöglich“, antworte ich mürrisch.

Nach weiterem Nachdenken ist mir klar den kompletten gestrigen Schreibtag und die Kurzaufzeichnungen von 13 weiteren Tagen verloren zu haben, weil ich diese dummer Weise noch nicht auf meiner externen Festplatte gesichert habe. Später stellt sich heraus, dass die Bildbearbeitung von 1.700 Aufnahmen plus Unterschriften ebenfalls verloren gegangen sind. „Sind unsere Bilder gesichert?“, fragt Tanja jetzt ebenfalls nervös werdend. „Ja, alle Bilder sind auf zwei externen Platten gesichert“, antworte ich als Tsendmaa in die Jurte kommt, um uns wie bald jeden Morgen zu besuchen. „Kein Problem. Mein Freund ist ein Computerspezialist. Der kann ihn bestimmt reparieren“, versucht sie mich zu trösten. Schon wenig später stapfen wir bei minus 18 °C durch die Ortschaft, um ihren Freund zu suchen. Es dauert eine geschlagene Stunde bis wir ihn in der Bank antreffen. „Asuudal baihgui“, („Kein Problem“) sagt er und fragt mich nach der Booting-DVD. „Habe ich keine dabei“, antworte ich, worauf sich eine Falte auf seiner Stirn bildet. Als ich ihm auch berichte, dass dieses gute Stück kein internes DVD-Laufwerk besitzt, furchen sich gleich mehrere Falten auf der jungen Stirn. Der Bankangestellte läuft mit uns zum Schulhaus. Dort setzen wir uns in ein leeres Klassenzimmer und wissen nicht auf was wir warten. Bis plötzlich eine Englischlehrerin kommt und nach unserem Problem fragt. Leider spricht so schlecht Englisch das jegliche Kommunikation nahezu unmöglich ist. Das Einzige was wir zu verstehen glauben ist das der junge Mann versucht eine Booting-DVD zu besorgen, um diese auf einen Stick zu kopieren. „So kann ich den Rechner starten“, sagt er auf Mongolisch und verschwindet. Eine Stunde später kommt er über beide Wangen strahlend zurück, steckt den Stick in den Rechner, der ihn aber nicht annimmt. Das Strahlen verschwindet und wenig später ist er wieder verschwunden. Zwei junge Schülerinnen betreten das Klassenzimmer. Tsendmaa, die uns schon seit Stunden begleitet, erklärt den beiden was wir hier tun. Nach einiger Zeit verlieren sie uns gegenüber ihre Scheu und probieren ihr Englisch aus. Tanja ist mittlerweile zu unserer Jurte zurückgelaufen, während ich nun in einem mongolischen Klassenzimmer sitze, auf den Computermann warte und den Mädchen versuche ein paar Worte Englisch beizubringen. Eine weitere Stunde verstreicht und der erneute Versuch meinen Laptop zum Laufen zu bringen scheitert.

Völlig genervt und deprimiert möchte ich dann nachhause gehen. Aber da habe ich nicht mit der Hartnäckigkeit des jungen Mannes gerechnet. Er setzt mich in einem einfachen Blockhaus ab welches das örtliche Restaurant ist. In dem kleinen Raum riecht es nach fettem Eintopf. Ich setze mich auf eine wackelige niedrige Bank ohne Lehne und verharre. Menschen kommen herein und essen das einzige angebotene Gericht. Eintopf. Sie trinken Milchtee und beäugen mich aus dem Augenwinkel. Eine halbe Stunde später holt mich der Computermann wieder ab. Wir laufen zu einem nett aussehenden Blockhaus. Es ist von einer japanischen Hilfsorganisation gebaut und soll eine Art Schule der alten Gebräuche und Handwerkskunst sein. Wieder lasse ich mich nieder, um zu warten. Diesmal auf einen modernen, offensichtlich von den Japanern gesponserten Stuhl. Die etwa 55 Jahre alte Lehrerin lächelt mich freundlich an. Der Computerexperte darf ihren Computer benutzen. Er lässt ein Virenprogramm laufen. Nach seiner Aussage sind diese miesen Viren daran schuld. Klar habe ich keinen Virus weil mein Laptop nie am Internet war. Abgesehen davon gibt es hier gar kein Internet. Aber wie soll ich das erklären? Eine Stunde später ist das Virenprogramm erfolglos über den Stik gelaufen. Es ist bereits 17:00 Uhr als ich mich von dem hilfsbereiten, übereifrigen Helfer verabschiede. Leider mit dem gleichen Ergebnis wie heute Morgen. Der Rechner geht nicht.

Müde versuche ich dann in unserer Jurte den Ersatzrechner so einzurichten, dass wenigsten unsere Liveberichterstattung weitergehen kann.

Am kommenden Tag schicken wir den Patienten mit einem Allradbus nach Mörön. Saraa kennt dort den Computerexperten des Bürgermeisteramtes. Es stellt sich ein mechanischer Defekt der Festplatte heraus. Wahrscheinlich durch Kälte. „Ich kann ihre Daten nicht retten. Dazu ist in der Mongolei keiner in der Lage“, sagt der Experte am Telefon. Das ist der Grund warum wir das gute Teil für viel Geld nach Deutschland schicken. Eine Woche später höre ich die ernüchternde Antwort. „Festplatte hoffnungslos zerstört. Daten sind nicht zu retten“, sagt Ben, ein Mitarbeiter unseres Partners. Sie bauen eine neue Festplatte ein, spielen die Programme darauf, die ich brauche und übergeben ihn dann meinen Eltern die große Probleme bekommen das Notebook wieder in die Mongolei zu schicken. Kurierdienste weigern sich wegen Explosionsgefahr den Laptop mit Akku zu versenden. Abgesehen davon sind die Versandkosten bis zu 350,- € und auch nur nach Ulan Bator. Jetzt ist der Laptop mit der normalen Post unterwegs. Versanddauer bis zu vier Wochen.

In der Zwischenzeit arbeite ich auf unserem Ersatzrechner den wir Gott sei Dank zum ersten Mal auf Reisen dabei haben. Er verbraucht zwar viel Strom, ist sehr langsam und veraltet aber er läuft.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen:
MAGE SOLAR
Gesat GmbH

Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.