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Zwei Bürgermeisterinnen machen es uns nicht leicht

Mongolei/Tsagaan Nuur Camp — 16.11.2011

Heute haben wir einen Termin bei der Bürgermeisterin von Tsagaan Nuur. Obwohl mir nicht ganz klar ist was warum wir sie eigentlich besuchen sollen, machen wir uns auf dem Weg, um zu dem aus Holz gebauten Regierungsgebäude zu laufen. Wieder steigen wir die Holzstufen in den ersten Stock. Wir schreiten einen langen Gang entlang, vorbei an einigen blau gestrichenen Türen, hinter denen die Beamten des Ortes sitzen. An jedem Ende des Ganges ist Brennholz feinsäuberlich aufgeschlichtet. So wie es aussieht ist dafür eine Frau verantwortlich die jeden der Öfen in den Amtszimmern in Gang halten muss damit es dort angenehm warm ist.

„Setzen sie sich doch“, bietet uns eine ca. 50 Jahre alte, modern gekleidete Mongolin an, sich an dem kleinen Besprechungstisch vor ihrem Schreibtisch niederzulassen. Ein paar Minuten des unangenehmen Schweigens vergehen als eine weitere Frau das Zimmer betritt. „Einen wunderschönen Tag“, sagt sie in gutem Englisch. „Oh sie sprechen aber gut Englisch“, lobe ich sie für den Augenblick erleichtert durch sie mit der Bürgermeisterin kommunizieren zu können. „Ich bin die Bürgermeisterin der Tsataan“, stellt sie sich vor. Überrascht nun zwei Bürgermeisterinnen vor uns zu haben erklären wir nach dem üblichen Höflichkeitsfloskeln warum wir hier sind. „Oh sie möchten zu meinem Volk? Hm, das ist schön. Und sie schreiben ein Buch? Fantastisch. Ich schreibe auch ein Buch über mein Volk. Ich versuche die alten Riten und Lieder festzuhalten. Leider fehlen mir im Augenblick die finanziellen Mittel es zu veröffentlichen“, erklärt sie ausschweifend und sehr freundlich. „Vielleicht ein wenig zu freundlich“, geht es mir durch den Kopf. Als wir von Saraa und ihrer NGO berichten wissen die beiden Frauen nichts davon. Sogleich rufe ich Saraa an und reiche der Bürgermeisterin mein Handy. Sie legt ihre Stirn in Falten und spricht ein paar Worte mit ihr bis die Leitung zusammenbricht. Nach dem dritten Versuch gibt sie es auf und zeigt kein weiteres Interesse mit Saraa zu sprechen. „Wissen sie, bei uns gibt es viele NGO’s“, sagt sie in einem Tonfall der leichte Skepsis durchdringen lässt. Daraufhin zeigen wir ihr unser Empfehlungsschreiben des Bürgermeisteramtes von Mörön. Die beiden Damen lesen es und reichen es uns kommentarlos zurück. Keine Ahnung ob dieses Schreiben nun Eindruck hinterlassen hat, denn in ihren Gesichtern ist keine Regung zu erkennen.

„Sie können nicht in einer Jurte bei den Tsataan bleiben. Das dulde ich nicht. Es könnte die Tsataan dazu veranlassen in Zukunft nur noch in Jurten wohnen zu wollen. Das ist gegen unsere Kultur. Die einzige Möglichkeit dort eine Zeit zu verbringen ist in einem Tipi“, erschreckt mich die Aussage Tsataanvertreterin. „Nun, soweit ich gehört habe lebt ein Teil ihres Volkes bereits in Blockhütten?“, frage ich. „Ja das stimmt.“ „Jurtenzelte sind tausende von Jahre alt und die traditionelle Behausung der turk- und mongolischsprachigen Steppennomaden Eurasiens. Sie wurden bis heute immer weiter entwickelt. Später hat man die Jurtenform auch in Holz gebaut. Dann wurde die runde Form ganz weggelassen und die Menschen leben in Blockhütten. Das heißt, dass sich die Blockhütten noch viele Stufen näher an der modernen Zivilisation befinden als eine Jurte. Warum sind sie dann gegen eine Jurte?“, frage ich freundlich. „Weil ich nicht möchte, dass mein Volk in Zukunft in Jurten lebt“, wiederholt sie sich Wort für Wort ebenfalls freundlich lächelnd.

Durch ihre Rentiere sind die Tsataan nach wie vor nomadisch. Sie nutzen ihre Rentiere, um ihre Tipis damit über sehr schwieriges, unzugängliches Gebirgsland von Weidegrund zu Weidegrund zu transportieren. Das kegelförmige Stangezelt ist im Vergleich zu einer Jurte sehr leicht und kann deswegen auf Rentieren geladen werden. Schon das Gewicht einer Jurte würde es unmöglich werden lassen einen neuen Weidplatz aufzusuchen. Klar kann man sich an dieser Stelle fragen warum wir nicht in einem Tipi leben wollen? Wäre ja noch ursprünglicher. Dafür gibt es zwei Gründe. Einmal ist die Jurte die traditionelle mongolische Behausung. Entscheidet man sich in ihr zu leben muss alles an Einrichtung genau dafür gekauft und organisiert werden. Wegen der völlig anderen Bauweise und weil ein Tipi viel kleiner ist, passt die Jurteneinrichtung nur bedingt in ein Tipi. Also müssten wir zu unserer Jurte, in der wir schon seit vielen Wochen leben, zusätzlich ein Tipi kaufen oder mieten. Zuzüglich den einen oder anderen Einrichtungsgegenstand dafür erwerben. Das ist einfach zu teuer. Andererseits ist es in einem Tipi wegen der hohen Form viel kälter als in einer Jurte. Die Wärme darin zu halten ist schwieriger. Bei angekündigtem Dauerfrost von minus 40 °C bis minus 50 °C ist eine Jurte bequemer, räumlicher, gemütlicher und vor allem wärmer.

Kurz darauf erfahren wir, dass die Regierung der Mongolei vor zwei Jahren jeder Tsataanfamilie eine Jurte geschenkt hat. Eigenartig. Erst schenkt man den Menschen eine Jurte und dann dürfen sie diese nicht aufbauen? Da ist etwas faul. Und genau das finden wir wenig später heraus. Die Wortvertreterin der Tsataan ist umstritten. Viele mögen sie nicht. Da manche der Äußerungen derart verurteilend sind möchte ich sie hier nicht erwähnen. Unter anderem heißt es sie arbeitet als Bürgermeisterin, um Geld zu machen und weniger darum die Interessen ihres Volkes zu vertreten. In der Tat hat sie ein Gästehaus und einen Laden und ist anscheinend im Touristengeschäft tätig. Auch werden gerne Tipis an Touristen vermietet. Vielleicht ist das ein weiterer Grund mit uns Geld verdienen zu wollen. Wie auch immer verläuft das Gespräch mit den beiden Damen nicht sehr zufrieden stellend.

„Was? Sie möchten den gesamten Winter bei den Tsataans verbringen? Das ist unmöglich. Maximum zehn Tage. Dann müssen sie wieder gehen“, sagt nun die Bürgermeisterin. „Aber warum?“, frage ich freundlich. „Die Tsataan werden sie ausnutzen und viel Geld verlangen. Ich muss erst zu ihnen fahren und mit ihnen sprechen. Das mache ich gerne für sie“, sagt sie. „Schreiben sie gut über uns. Wir werden unser Bestes tun um ihnen zu helfen“, plaudern die beiden Politikerinnen freundlich und schütteln uns zum Abschluss die Hand.

Wir verlassen das betagte Holzhaus und laufen zu unserer Jurte zurück. Obwohl mich Mutter Erde gelehrt hat, das alles was geschieht richtig ist, bin ich in diesem Moment recht geknickt. War es umsonst solch einen immensen Aufwand betrieben zu haben, um die Überwinterung bei den Tsataan zu organisieren? Im Augenblick legen uns nicht die Tsataan einen Knüppel zwischen die Beine sondern ihre Vertreter. Die Gründe hierfür sind mehr als fadenscheinig. Aber was sollen wir jetzt tun?

Am Abend rufe ich Saraa an. „Macht euch nichts aus ihrer Aussage. Sie ist bekannt dafür Geld machen zu wollen. Abgesehen davon leben ca. 90 % aller Tsataan im Winter in Tsagaan Nuur. Sie wohnen in Blockhäusern und Jurten. Also kennen sie natürlich Jurten schon sehr lange“, erklärt sie. „Ich dachte die Tsataan leben in der Taiga?“, wundere ich mich. „Nur ein kleiner Teil von ihnen verbringen den gesamten Winter draußen bei den Rentieren. Die meisten Frauen und alle Kinder hingegen befinden sich in Tsagaan Nuur.“ „Warum?“ „Weil die Kinder jeden Tag zur Schule müssen. In den Sommerferien allerdings ziehen alle Familienmitglieder in die Taiga“, erklärt Saraa. „Ich rufe gleich mal Dalai, die Frau von Shagai an“, sagt sie mich beruhigend. Da Shagai unser Bindeglied zu den Tsataan ist und wir in seiner Jurte wohnen, die wir über Saraa gemietet haben, versprechen wir uns von ihm den notwendigen Rückhalt.

„Das ist meine Jurte in der ihr lebt. Ich habe sie von der Regierung geschenkt bekommen und darf sie aufstellen wo und wann ich will. Wir leben in einem freien Land“, sagt Shagai sich über seine Wortvertreterin ärgernd.

„Am besten du rufst Tsaya an. Sie lebt in der Taiga. Vielleicht habt ihr die Chance euch mit ihr zu treffen“, schlägt Saraa im Laufe der an diesem Abend geführten Gespräche vor. Sofort wähle ich die Telefonnummer von Tsaya und freue mich als sie abhebt. „Hallo Tsaya. Wir sind die Freunde von Saraa. Du hast uns gestern das Paket vorbeigebracht“, erkläre ich. „Ja, ja, ich kann mich natürlich erinnern“, antwortet sie sehr freundlich. „Ist es möglich dich zu treffen? Tanja und ich würden uns gerne mit dir unterhalten.“ „Klar. Wann habt ihr Zeit?“ „Wir haben immer Zeit. Wann bist du wieder in Tsagaan Nuur?“ „Morgen. Wenn ihr wollt treffen wir uns im Informationszentrum der Tuwa“, schlägt sie vor. „Super. Wann sollen wir da sein?“ „Ab 13:00 Uhr.“ „Wir freuen uns“, antworte ich und beende das Gespräch.

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Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.