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Der erste Tag in Tsagaan Nuur

Mongolei/Tsagaan Nuur Camp — 04.11.2011

Die erste Nacht in unserer Jurte war im Vergleich zu einem eisigen ungeschütztem Zelt ein Traum. Wir stehen spät auf und bereiten uns ganz bequem ein Frühstück auf unserem wunderbaren Kanonenofen. „Denis?“ „Ja.“ „Ich glaube ich habe mir die Zehen erfroren“, schockt mich Tanja. „Was?“ „Na die Spitzen sind gefühllos“, jammert sie ein wenig. “Das sind leichte Erfrierungen. Die geben sich nach einiger Zeit wieder. Da brauchst du dir keine Sorgen machen.“ „Woher weißt du das?“ „Weißt du nicht mehr? Ich habe mir doch die Zehen bei der Busfahrt von China nach Lhasa erfroren. Nach einem Jahr war das Gefühl wieder da.“ „Ein Jahr? Du machst doch Witze?“ „Nein keine Witze. So lange hat es gedauert. Aber ich denke deine Zehen sind in ein paar Wochen bestimmt wieder absolut gesund“, sage ich zuversichtlich. „Na hoffentlich“, antwortet Tanja etwas verunsichert.

Obwohl wir von der anstrengenden Reise sehr müde sind, gibt es enorm viel zu tun. Wir haben also nicht die Möglichkeit uns ein paar Tage durchhängen zu lassen. Wenn man einen mongolischen Winter in einer Jurte überleben möchte geht das nur mit Aktivismus.

Als erstes checken wir die Ausrüstung die Saraa in der Tat schon nach Tsagaan Nuur geschickt hat und jetzt im Schuppen von Ayush gestapelt ist. Soweit wir überblicken können ist sie vollzählige. Es ist also auf dem langen Weg von Mörön bis hierher nichts abhanden gekommen. Unser junger Pferdemann Tulgaa hat den Transport begleitet und überwacht. Gleich am Morgen sucht er uns in der Jurte auf. Er spricht ein paar Worte Englisch, weswegen die Kommunikation mit ihm kein Problem ist. Wir sehen uns sogleich die Pferde an. „Und was hälts du von ihrem Zustand? Wir haben uns viel Mühe gegeben jeden Tag einen geeigneten Futterplatz zu finden. „Nicht schlecht“, lobt Tulgaa. „Schau dir mal Naraa an. Sie zitter vor Kälte“, sagt Tanja. „War eine anstrengende Reise. Ein paar Tage Pause und sie ist wieder fitt“, glaube ich. „Ob sie wirklich trächtig ist?“, überlegt Tanja. Tulgaa und Bilgee nicken. „Ja, im Frühjahr wird sie eine Fohlen bekommen“, bekräftigt Bilgee seine Aussage, die er schon in Mörön gegeben hat. „Wann möchtest du denn mit unseren Pferden nach Mörön aufbrechen?“, frage ich Tulgaa. „Da die Temperaturen bald weiter sinken, schon morgen“, antwortet er freundlich. „Morgen schon. Hm, sind die Pferde dafür stark genug?“, wundere ich mich. „Ja, sie müssen keine Lasten mehr tragen. Das schaffen sie locker“, meint Tulgaa. „Wird es schwierig sein die Pferde alleine zu treiben?“, möchte Tanja wissen. „Ha, ha, ha“, lacht er herzhaft. „Für Tulgaa ist das nicht schwer.“ „Wie lange brauchst du für die Strecke? Was denkst du?“, interessiert es mich. „Drei, maximal vier Tage“, hören wir verblüfft. „Was? Drei oder vier Tage?“, frag ich verwirrt. „Ja“, bestätigt er. „Für einen Pferdemann sind 100 Kilometer am Tag leicht machbar“, beglaubigt Bilgee. Ich bin mir nicht sicher ob Tulgaa den Mund ein wenig voll nimmt. Obwohl wir nur einen erzwungenen Rasttag einlegten und der Tag unseres Aufbruchs wegen dem abendlichen Start kaum zu zählen ist, hatten wir für die 369 Kilometer 14 Tage benötigt. Ziehen wir den erzwungenen Rasttag, den Tag unseres sehr späten Aufbruchs und das Verirren im Seenlabyrinth ab, hätten wir es in 11 Tagen geschafft. Für Tanja und mich würde es bei diesen Wetterbedingungen und bei der schweren Strecke an ein Wunder grenzen wenn er es in der kurzen Zeit fertig bringen sollte alleine sechs Pferde über Flüsse, Seen, Eis, Pässe und durch die Wälder der Taiga zu reiten. Aber wir werden sehen.

Am Nachmittag geben Bilgee und Tulgaa unseren Pferden Hafer zu fressen. Saraa hat auf unseren Wunsch hin 20 Kilogramm dieser Kraftnahrung mitgeschickt. Es soll unsere Reittiere stärken und Energie für die Rückreise spenden. Wieder in unserer Jurte kochen wir ein paar Kilogramm von dem Hafer. Diesen Brei sollen die Pferde morgen vor ihrem Aufbruch bekommen. Die restlichen 15 Kg nimmt Tulgaa als Notverpflegung in Satteltaschen mit.

Dachten wir die Wasserversorgung in Mörön war aufwendig, haben wir uns gewaltig getäuscht. In der Stadt gab es zumindest an jeder größeren Kreuzung ein Pumphaus zu dem wir mit ein paar Kanistern gelaufen sind, um diese für wenig Tugrik befüllen zu lassen. Hier laufen die Menschen zum Tsagaan Nuur, dem weißen See, nach dem auch das Dorf benannt ist. In die Eisfläche sind Löcher geschlagen, aus denen man mit einer Schöpfkelle das Wasser in einen Eimer füllt, um diese dann die Uferböschung hinaufzuschleppen und mit langen Armen zu unserer Jurte zu tragen. Wir haben dabei noch Glück, da das Baishin (Blockhaus) von Ayush nur ca. einen knappen Kilometer vom See entfernt liegt. Andere hingen müssen ihren täglichen Wasserverbrauch über fünf Kilometer weit schleppen. Unter solchen Bedingungen schätzt man erst welch ein Luxus es ist Wasser, heiß oder kalt, aus der Leitung strömen lassen zu können. Hier in Tsagaan Nuur gibt es so etwas in keinem Haus. Tanja und Bilgee kippen das Wasser in ein blaues Plastikfässchen, welches ab sofort der Wasserspeicher in unserer Jurte ist. Obwohl wir sparsam mit dem Nass umgehen muss Tanja täglich bis zu zweimal den Weg zum See gehen.

Danach müssen wir zum Grenzmilitär, um uns registrieren zu lassen. Ein Soldat bittet uns an einem Zaun zu warten. Wenig später gibt er uns den Grenzzonenschein zurück, den jeder Ausländer benötigt, der sich näher als 100 Km der russischen Grenze nähert. Die maximale Aufenthaltsdauer beträgt einen Monat. Mit Saraa haben wir vereinbart das Papier jeden Monat nach Mörön zurückzuschicken, wo sie es verlängern lässt. Wie wir das anscheinend wichtige Papier vom Winterlager der Tsataans nach Mörön bekommen und zurück, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das wird sich hoffentlich zu einem später klären.

In den kommenden Tagen müssen wir noch zur örtlichen Polizeistation, um uns auch da registrieren zu lassen und zum Bürgermeister des Ortes, um uns als neue Bürger mit der Adresse Ost-Taiga zu melden. Also haben wir auch in der Abgeschiedenheit der Welt einen Haufen Behördenrennerei. Ist schon eigenartig wie schwer wir Mensche es und gegenseitige machen und wie wir Menschen uns gegenseitig und unseren Lebensraum kontrollieren.

Nach den umfangreichen Arbeiten ziehen wir uns abends in unsere Jurte zurück. Um unseren Expeditionserfolg zu feiern hat Tanja in einem Laden eine edle Flasche Wodka erstanden die Tulgaa, Bilgee, Tanja und ich leeren.

Schon früh legen wir uns auf die Isomatten zum Schlafen nieder. Tulgaa verbringt die heutige Nacht auch bei uns. Wir richten ihm eine Filzmatte und Decke her damit er nicht friert. „Also jeder von euch wird den Ofen alle zwei Stunden nachheizen. Wenn das klappt haben wir eine warme Nacht“, sage ich zu Bilgee und Tulgaa. Sie lachen und nicken. Wegen dem Wodkakonsum schlafen sie tief und fest. Müde rapple ich mich alle zwei Stunden auf, um Holz nachzulegen. Dann verkrieche ich mich wieder in den Schlafsack und lausche dem Singsang des Weißen Sees. Die Spannungsrisse, der jeden Tag dicker werdenden Eisdecke, donnern bis in unsere Jurte, obwohl der See einen knappen Kilometer von unserer Jurte entfernt ist.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen:
MAGE SOLAR
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Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.