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Gefangen im Labyrinth der Eisseen

Mongolei/Eis Labyrinth Camp — 02.11.2011

Die Nase, Ohren, Wangenknochen und selbst die Stirn schmerzen. Ich schlage die Augen auf und spüre den Biss der Kälte. Tanja liegt wie eine Mumie neben mir. Aus der kleinen Öffnung in der Schlafsackhaube dringt weißer Rauch. Es ist ihr Atem der sich sofort als Eiskristalle am Kopfbereich der Daunenhülle festsetzt und diese zu hartem Eis erstarren lässt. Vor meinem geistigen Auge lasse ich langsam den gestrigen Tag abspulen. Der Sturz und die dauraufhin folgende Panik treten in mein Bewusstsein. Vorsichtig bewege ich mein Knie. Es klappt. Tut zwar weh aber es bewegt sich. Auch mein Knöchel und die Schulter sind unter nur leichten Schmerzen beweglich. „Und? Wie fühlst du dich?“, kommen vom Daunenstoff halb erstickte Worte durch die kleine vereiste Öffnung. „Weiß noch nicht so recht aber ich glaube es geht. Das Knie ist nicht geschwollen. Ist ein gutes Zeichen“, antworte ich. „Kannst du reiten?“ fragt es aus der kleinen Öffnung in Tanjas Schlafhaube. „Muss erst sehen ob ich laufen kann. Dann weiß ich Bescheid“, antworte ich mit leichter Zuversicht.

Bei nur minus 12 °C krabbeln wir aus dem Zelt. Vorsichtig versuche ich aufzutreten. Es gelingt. „Ich kann bestimmt reiten“, sage ich zu Tanja und Bilgee. Dann packen wir unsere Zelte zusammen. „Daraa bajartaj majhan“, „Auf Wiedersehen Zelt“, verabschiedet sich Bilgee von seiner treuen Behausung der letzten Monate. Wir lachen herzhaft über seinen trockenen Humor. „Daraa bajartaj majhan“, („Auf Wiedersehen Zelt“) sage auch ich. Weil wir gestern 40 Kilometer geschafft haben können wir tatsächlich davon ausgehen heute Abend unser Etappenziel zu erreichen und somit die Zelte für mindestens sechs Monate nicht mehr aufbauen zu müssen.

Mit Zuversicht und Vorfreude heute in einer warmen Jurte schlafen zu dürfen, reiten wir los. Anfänglich fällt es mir wegen dem schmerzenden Knie und Knöchel schwer zu traben aber nach einiger Zeit gewöhnt sich mein Körper an die Bewegung und der Schmerz wimmert nur stumm vor sich hin. Es dauert nicht lange und wir müssen wieder einige zugefrorene kleine Flüsse überqueren. Ganz vorsichtig wagen wir uns auf die Eisfläche. „Es trägt“, ist sich Bilgee sicher und reitet als erster über das Eis. Dann folgen wir. In einigen hundert Meter Entfernung entdeckt Bilgee ein paar Hirten die ihre Yaks über das in der Sonne gleißende Eismeer treiben. Bilgee galoppiert zu ihnen, um nach den Weg zu fragen. Als wir auf ihn warten kühlen uns die minus 15 °C schnell aus. Dann kommt Bilgee wieder zurück und gibt die Richtung an.

Wir erreichen einen der vielen Seen, die ich bei meinem Kartenstudium auch schon entdeckt hatte. Weil die Eisdecke noch nicht dick genug ist traben wir an seinem sich windenden Ufer entlang, bis wir auf einen weiteren See treffen. „Hier geht es nicht weiter“, meint Bilgee, weswegen wir zum umkehren gezwungen sind. Nach etwa zwei oder drei Kilometer treffen wir auf einen weiteren See. Mehrere Fahrzeugspuren zeugen von einer tragenden Eisdecke. Wir steigen ab und überqueren ihn vorsichtig. Es knackt und knirscht verdächtig. Riesige Spannungsrisse peitschen durch die große Eisfläche, so dass uns vor Schreck fast das Herz stehen bleibt. Dann singt das Eis eigenartig. „Was sind das für Geräusche?“, fragt Tanja mit großen Augen. „Das Eis verformt sich ständig. Es sind Spannungsrisse die diese Töne verursachen“, antworte ich etwas nervös. Wir sind froh heile das andere Ufer zu erreichen.

Dann treffen wir auf ein einsames, bewohntes Blockhaus. Die Menschen erklären uns einen vermeintlich sicheren Weg über die Seenlandschaft. Wir folgen ihrer Richtungsangabe nur um ein paar Kilometer weiter erneut auf einen See zu treffen der noch offene Stellen im Eis zeigt. Wieder kehren wir um und folgen dem sich ewig dahinziehenden Ufersaum. So geht das über Stunden hin und her und am Ende reiten wir wieder in die Richtung aus der wir gekommen sind. „Siehst du den Berg dort drüben?“, frage ich Tanja auf einen Hügel deutend. „Ja.“ „An seiner abfallenden Flanke ist der Friedhof an dem wir gestern vorbeigekommen sind“, erkläre ich. „Heißt das wir sind den ganzen Tag im Kreis geritten?“ „Genau. Mein Gefühl die Abkürzung nicht zu nehmen und nach Renchinlkhumbe zu reiten war richtig und wäre entschieden kürzer gewesen. Jetzt sind wir in diesem Seenlabyrinth regelrecht gefangen“, erkläre ich. „Meinst du wir schaffen es heute nicht mehr bis nach Tsagaan Nuur?“ „Auf keinen Fall. Schau mal auf die Uhr. Wir haben uns seit heute Morgen unserem Ziel keinen einzigen Kilometer genähert“, antworte ich ein wenig resigniert.

Kurz vor Sonnenuntergang versperrt uns ein großer, im Abendlicht dampfender Strom, den Weg. Wir folgen ihm bis zu einem Nebenarm der in einen halb zugefrorenen See mündet. Bilgee prüft seine Tiefe und versucht Tenger dazu zu bewegen den Zufluss zu durchschreiten. Tenger wiehert aufgeregt und weigert sich nur einen Fuß in das eiskalte Nass zu setzen. Bilgee gibt alles um ihn dort hinein zu treiben aber ohne jeglichen Erfolg. Plötzlich erscheint ein Reiter am anderen Ufer. „Versucht es über den See!“ brüllt er zu uns herüber. Da der See aber nur teilweise zugefroren ist zögert Bilgee. Der Mann auf der anderen Seite lenkt kurzentschlossen sein Pferd zum Ufer, steigt aus dem Sattel, und führt sein Pferd über das laut knackende Eis. Gebannt sehen wir zu und hoffen nicht Zeuge eines schlimmen Unfalls zu werden. Lachend erreicht er uns und möchte Bilgee das Führungsseil von Od aus der Hand nehmen, um diesen zur anderen Seite zu bringen. Bilgee lacht ebenfalls, weigert sich aber ihm das Seil zu geben. „Der ist sternhagelblau“, stellt Tanja fest. „Ja das ist er“, gebe ich ihr Recht. „Sollen wir es wagen und über das Eis gehen?“, fragt mich Bilgee. „Lassen wir es für heute gut sein. Ein paar Kilometer entfernt von hier habe ich ein Bäume gesehen. Da sollten wir unser Lager aufschlagen und morgen mit neuer Energie einen sicheren Weg aus dem gefährlichen Labyrinth suchen“, schlage ich vor.

Mittlerweile verhöhnt uns der Betrunkene. „Es ist kein Problem über den See zu gehen! Ihr habt es doch gesehen!“, ruft er. Nachdem er bemerkt, dass wir nicht auf seinen Vorschlag eingehen, lässt er uns stehen und galoppiert davon.

Bilgee überdenkt meine Worte und sagt; „Gib mir einen Versuch Denis.“ „Okay, aber sei vorsichtig“, antworte ich. Nachdem der Betrunkene außer Sichtweite ist führt er Tenger und Od auf die schneebedeckte Eisfläche. Laute Spannungsrisse schießen unter den Pferdehufen hindurch, so dass die Tiere nervös aufblicken. Langsam schreitet Bilgee weiter. Tenger folgt widerstrebend Meter für Meter. Sollte das Eis brechen gäbe es nicht die geringste Überlebenschance für Bilgee und die Tiere. Jedes Jahr sterben unvorsichtige und zu mutige oder vielleicht auch betrunkene Mongolen , wenn sie Ende Oktober, Anfang November über noch nicht richtig zugefrorene Seen gehen, um abzukürzen. Exakt vor dieser Situation wurden wir eindringlich gewarnt. Und jetzt tastet sich unser Pferdemann mit unseren Pferden und Ausrüstung über solch eine Eisplatte, nur um 15 oder 20 Kilometer einzusparen. „Das ergibt keinen Sinn. Ist Schwachsinn“, sage ich zu Tanja die neben mir am Ufer steht und gebannt auf Bilgees Schritte achtet. Plötzlich knallt wieder ein gewaltiger Spannungsriss über und durch das Eis was uns den Atem stocken lässt. Bilgee bleibt augenblicklich stehen. „Lass es gut sein!“, rufe ich, worauf Bilgee jedoch versucht weiter zu gehen. Dass es klappt hat der Betrunkene ja gezeigt. Nur hatte er ein Pferd hinter sich und nicht zwei. Das ist ein wesentlicher und vielleicht überlebensnotwendiger Unterschied. „Tttzzuuuunng! Tttzzuuuunng!“, kracht es als würde ein überdimensional großer Pfeil von einem überdimensional großen Bogen geschossen werden. Tenger bleibt urplötzlich stehen und bewegt sich keinen Zentimeter mehr weiter. „Tiere haben für solch eine Gefahr bestimmt einen ausgeprägten Instinkt“, meine ich leise. Bilgee zieht nun am Führungsseil von Tenger, der jedoch wie angefroren stehen bleibt. „Hört auf euer Gefühl“, hat man uns vor der Reise geraten. Mein Gefühl brüllt Gefahr. Oder ist es mein Verstand? Egal. Bilgee muss da runter. „Komm zurück Bilgee! Lass es gut sein! Auch wenn es klappen sollte werden wir dir nicht folgen!“, rufe ich. Bilgee winkt mit der Hand, um uns zu verstehen zu geben nicht weiterzugehen.

Wieder heile am Ufer traben wir für eine Weile am See entlang. „Ich kann nicht mehr. Meine Zehen sind völlig gefühllos“, sagt Tanja, steigt vom Pferd und läuft, um wieder Blut in die Füße zu pumpen. Auch ich leide unter tauben, quälenden Zehen. Alle 10 Zehen haben sich zu einem einzigen Schmerz vereint. Mittlerweile ist das Thermometer auf minus 20 °C gesunken. Unsere Gliedmaßen sind stark gefährdet, dass ist mir bewusst. Die Frage im Augenblick ist nur wie groß die Schäden in diesem Moment schon sind? Da Frauen im Regelfall leichter und schneller frieren als Männer mache ich mir große Sorgen um Tanja. Es wäre fatal jetzt noch Zehen zu erfrieren oder vielleicht sogar zu verlieren. Obwohl es egal ist wann man sich eine Erfrierung holt. Die Folgen sind in jedem Falle fatal. Es ist schon eigenartig. Da haben wir eine perfekte Ausrüstung zusammengestellt und die einzige Schwachstelle sind die Schuhe. Klar ist die berechtigte Frage warum wir uns nicht darum gekümmert haben extrawarmes Schuhwerk dabei zu haben? Aber da sie mit bis zu minus 70 °C angegeben sind waren wir sicher mit diesem Ausrüstungsgegenstand niemals ein Problem zu bekommen. Und ehrlich, wo soll man so etwas in Europa testen? Solche extremen Bedingungen gibt es eventuell nur in den Hochalpen. Kauft man sich Winterausrüstung kann man diese vielleicht in einer Kältekammer testen. Aber das ist ein echter Witz und nur ein Verkaufsargument. Oder soll man sich für eine Woche in so eine Kammer einsperren lassen, um Realbedingungen zu erhalten? Die einzige Möglichkeit Winterausrüstung zu testen ist vor Ort. Dort wo es wirklich kalt ist. Genauso kalt wie hier. Nur ist es jetzt zu spät. Wir müssen versuchen hier ohne Blessuren herauszukommen. Tanja läuft zügig vor mir her. Nach ca. zwei Kilometern sind wir wegen der heraneilenden Nacht wieder gezwungen in die Sättel zu steigen, um so schnell als nur möglich einen Campplatz zu finden.

Über sechs Stunden traben wir jetzt schon ohne nur eine kurze Pause eingelegt zu haben, ohne das geringste gegessen zu haben hin und her. Unsere Mägen rufen nach Nahrung. Wir sind hundemüde und wegen dem Umweg demoralisiert.

Erst nach Sonnenuntergang erreichen wir die Uferstelle des Sees an der wir vor zwei Stunden schon mal waren. Tanja holt Feuerholz von ein paar Bäumen. Ich baue gerade das Zelt auf als aus dem Nichts ein Hirte auftaucht der sich lange und angeregt mit Bilgee unterhält. Soweit ich verstehe geht es um den Weg. Dann verschwinden die beiden nur um wenig später mit Feuerholz wieder zukommen. Hinter einer leichten Erhebung, etwa 200 Meter vom Ufer des Sees entfernt, muss sich die Behausung des Hirten vor unseren Blicken versteckt haben.

Kaum brennt das Feuer, reißen wir uns bei minus 22 °C die Schuhe von den Füßen, um die starren Zehen zu wärmen. Kaum aus den Schuhen erstarren auch die nassgeschwitzten Socken. Über den Flammen werden sie aber sofort beweglich und dampfen. Es tut weh als die Zehen langsam auftauen und wir uns dabei Löcher in die Socken brennen. „Oh, ich hoffe mir nichts erfroren zu haben“, jammert Tanja ein wenig. „Denke nicht“, versuche ich zuversichtlich zu sein.

Da wegen der Kälte jeglicher Wassertransport schon seit vielen Tagen unmöglich geworden ist und es auch kein Flusswasser oder genügend Schnee zum schmelzen hier gibt, geht Bilgee zum See, um Eis herauszubrechen. Eine halbe Stunde später kommt er wieder ins Camp, ein Pferdedecke voller Eis hinter sich herschleppend. Tanja legt kleine Eisblöcke in einen Topf und stellt ihn aufs Feuer. Ohne jeglichen Windschutz kauern wir uns um die kleinen, heißen, rotgelb züngelnden Flammen und versuchen ihre Wärme in unseren Körper zu speichern. Unsere Zehen zeigen wieder Lebenszeichen weswegen wir in die kalten Winterschuhe schlüpfen, um im Lager herumlaufen zu können. Wir räumen alles in das Vorzelt was nicht draußen bleiben soll und schlüpfen bei jetzt minus 25 °C in die vor Kälte erstarrten Stoffhäuser.

Das Thermometer zeigt minus 28 °C als ich meine Arbeit am Laptop abbrechen muss. Keine Chance mehr bei diesen Temperaturen meine Aufzeichnungen zu tippen ohne mich oder die Technik nachhaltig zu gefährden. Wir ziehen uns in die Schlafsäcke zurück, schließen jegliche Öffnungen und versuchen uns warm zu atmen. „Hörst du den Singsang des Sees?“, frage ich Tanja. „Fast ein bisschen unheimlich“, antwortet sie. „Ja. Klingt so als würden sich Wale mittels Sonar unterhalten“, entgegne ich und lausche den noch nie in meinem Leben vernommenen Geräuschen. „Wie geht es deinen Zehen?“, frage ich. „Geht schon. Sind kalt“, antwortet Tanja müde. Trotz Wärmflasche bleiben meine Füße ebenfalls kalt. Kein Wunder. Als ich mich nachts nach draußen quäle, um kurz Wasser zu lassen, ist die Quecksilbersäule auf minus 35 °C gefallen.

„Minus 35 °C und wir schlafen auf eisigen Boden und offenem Gelände direkt neben einem von Spannungsrissen geplagten Eissee. Oh man bin ich froh wenn wir dieses Labyrinth aus Seen und Flüssen heile hinter uns gelassen haben“, raune ich, nach einen kurzen Blick auf die frierenden Pferde ins Zelt schlüpfend.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen:
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Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.