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Spuren im Schnee

Mongolei/Schnee Camp — 31.10.2011

Auch wenn es mir noch so schwer fällt versuche ich jeden Morgen vor dem Aufstehen die Gymnastik für meinen Rücken durchzuziehen. Klar, bin ich kein Gymnastikfreak der seinem Körper sogar während einer Expedition Leibesübungen antun muss. Nein, der Hintergrund ist eher anderer Natur. Wegen einer alten Bandscheibenoperation bin ich dazu angehalten immer etwas für die Stärkung meiner Rückenmuskulatur zu unternehmen. Dadurch bleibt mein Rücken beweglich und stark. Grund genug also selbst unter diesen Bedingungen im Zelt ein wenig herumzuzappeln. Tanja zieht sich indes an und verlässt unsere Behausung. Sie entfachen ein Feuer und kocht schon mal Wasser während Bilgee sich um die Pferde kümmert. Für mich ist das die Zeit wie gewohnt alles was wir im Zelt haben zusammenzuräumen und zu packen. Noch im Zelt schiebe ich unsere Schlaftasche nach draußen, um in dem kleinen Vorzelt mehr Platz zu haben. Ich packe die Kleidung in eine Kuriertasche, räume den Laptop und Kamerataschen raus und zerre die schwere Autobatterie in die Apside. Dann schabe ich mit den Handschuhen mehrere Hände voll Eis vom Boden damit wir heute Abend nicht schon zu Beginn in einer Eisburg schlafen müssen. Nachdem das Zelt endlich lehr ist krabble ich auf allen Vieren ins Freie. Durch das Leben der letzten Monate im Zelt und Jurte und dem damit verbundenen herumrobben hat sich auf meinen Knien eine dicke Hornhaut gebildet. Sieht bald so aus als würde ich auf den Knien durch die Taiga laufen können.

„Denis, Bilgee Frühstück ist fertig!“, fordert Tanja uns auf zum Lagerfeuer zu kommen. Durch den anhaltenden Schneefall über Nacht ist die Landschaft um uns herum weiß und die Zelte mit einer mehreren Zentimeter starken Schneeschicht bedeckt. Bilgee hat einen provisorischen Besen gebunden und kehrt damit die Wege zu den Zelten frei. „Er hat für alles eine passende Idee“, lacht Tanja. Bilgee sieht ihr Strahlen, klemmt sich den Besen zwischen die Beine und tut so als könnte er auf ihn reitend davonfliegen. „Ha,ha,ha“, kugeln wir uns daraufhin hin vor Lachen und halten uns die Bäuche.

Bevor ich etwas esse wärme ich erstmal die Batterien unserer Filmkamera am Feuer auf. Erst so ist es möglich ein paar Szenen festzuhalten. „So ein Mist!“, fluche ich laut als mein Blick auf die offen stehende Schlaftasche fällt. „Alles voller Schnee. Schlafsäcke Isomatten einfach alles. Wie soll ich den denn da wieder raus bekommen?“, schimpfe ich und ärgere mich die Tasche nicht schon im Zelt geschlossen zu haben. Da bei minus 10 °C nichts nass werden kann lass ich die Sauerei erstmal liegen und setze mich ans Feuer. Das stärker werdende Schneetreiben wir zusehends unangenehmer. „Na das kann ja heiter werden“, meine ich, da wir nichts liegen lassen können ohne in Gefahr zu geraten die abgelegten Gegenstände glatt zu verlieren. Innerhalb weniger Minuten ist jedes auf dem Boden liegende Utensil unter den Schneeflocken versteckt.

Bilgee blickt in den Himmel und legt seine Stirn in Falten. Nach einiger Zeit des Überlegens sagt er; „Sieht nicht gut aus. Wir sitzen mitten in den Wolken. Der Weg ist zugeschneit und wegen der schlechten Sicht haben wir keine Orientierung.“ „Mit dem GPS können wir uns orientieren“, erkläre ich Bilgee, dem mein Navigationscomputer aber recht suspekt erscheint. „Gut wir können die Richtung beibehalten aber es ist bei diesem Wetter nahezu unmöglich Furten über die vor uns liegenden Flüssen zu finden. Das ist riskant. Ihr habt ja gestern schon gesehen wie gefährlich es ist unsere Tiere sicher zum anderen Ufer zu bringen. Bei heftigen Schneetreiben wie heute ist eine sichere Passage nur schwierig zu entdecken“, erklärt er freundlich und ausführlich. „Hm, du meinst wir sollten diesen Tag hier im Camp verbringen und abwarten wie sich das Wetter entwickelt?“, frage ich. „Tijmee“, (Ja) antwortet er. „Besitzen wir noch genügend Lebensmittel? Können wir uns diesen Rasttage erlauben?“, frage ich Tanja. „Überhaupt kein Problem. Du hast doch von Beginn an zu mir gesagt ich soll für mindestens drei Wochen gefriergetrocknete Nahrung einpacken. Davon besitzen wir also noch genügend. Gut, wir haben kein Brot mehr, aber wir kommen auch ohne aus“, ist Tanjas beruhigende Antwort, die während unseren Expeditionsreisen die komplette logistische Verantwortung inne hat. „Hm, also gut. Sicherheit geht vor. Dann lasst uns einen richtig faulen Tag einlegen und ausruhen“, entscheide ich auch wenn ich sehr gerne so früh wie nur möglich ins sichere Nest kommen würde.

„Denis! Komm mal rüber!“, höre ich Bilgees Rufen. In etwa hundert Meter Entfernung mache ich durch das dichte Schneetreiben seine winkende Gestalt aus. „Nimm die Kamera mit!“, höre ich noch und haste zu meiner im Schnee liegenden Kameratasche, schultere sie und eile so schnell es bei dem unebenen Untergrund geht in seine Richtung. „Beile dich! Dort, siehst du die Yaks? Das sind Darkhaden. Sie ziehen mit ihrem gesamten Hab und Gut in ein neues Lager“, verstehe ich seine Erklärung. Als ich Bilgees Standort erreiche erblicke ich die kräftigen, schnaufenden Hochlandrinder. Sie sind mit schweren Säcken und Bündeln beladen. Ihr Anblick versetzt mich in eine längst vergangene Zeit zurück. Ich schaue den anmutigen, nur von einem Hirten getrieben Tieren hinterher, die schnell von der Düsternis des Tages und dem dichten Schneetreiben verschluckt werden.

Schwerfällig stapfe ich wieder zum Camp zurück und mache mich daran das Zelt wieder für die Nacht fertig zu machen. Zuerst spanne ich mein Solapanel darüber, um bei hoffentlich kommendem Sonnenschein ein wenig Energie in der Autobatterie zu speichern. Es dauert eine Stunde bis ich unsere Schlafsachen vom Schnee befreit habe und unser Domizil wieder eingeräumt ist. „Hast unser Haus wieder schön eingerichtet. Vielen Dank“, sagt Tanja und schlüpft sich vorher den Schnee von Mütze, Jacke und Hose klopfend in unsere sichere Burg. Während das Thermometer draußen minus 10 °C anzeigt besitzen wir hier drinnen gemütliche 2 °C. „Schon irre was die Atemluft und unsere Körper für eine Wärme abgeben“, meine ich mich in meinen Schlafsack zurückziehend. Wir nutzen den Tag tatsächlich zum Dösen. Es tut gut mal nichts tun zu müssen. Einfach alle Viere von sich strecken und ausschließlich und alleine Ruhen. Am späten Nachmittag schnappe ich mir unser Flickzeug und nähe ein paar gerissene Säume meines Deels. Dann gebe ich Tanja das Nähzeug die ebenfalls ihren Deel ausbessert.

Bevor ich wieder nach draußen gehe arbeite ich noch an meiner Navigation. Auf dem Weg zu unserem Ziel setze ich alle paar Kilometer einen Koordinatenpunkt auf die Karte, den ich auch ins GPS übertrage. Somit bin ich in der Lage von Koordinatenkreuz zu Koordinatenkreuz zu navigieren. Auch wenn das Wetter morgen schlecht sein sollte werde ich uns auf diese Weise sicher und ohne Umwege zum Ziel bringen. Die einzige Herausforderung bleiben Flussüberquerungen, kommende Seen, von denen ich dutzende in der Karte entdeckt habe, und eventuelle Bergzüge die wir ebenfalls umgehen müssen.

Am Nachmittag ist das Wetter besser. Der Schneefall hat aufgehört, was uns hoffen lässt morgen mit gutem Reisewetter rechnen zu können. Ich hole Holz. Gibt ja genügend davon in der Taiga. Dann entfache ich ein wärmendes Feuer. Als Bilgee und Tanja aus den Stoffhäusern kommen freuen sie sich über den heißen Tee. Bilgee nutzt die uns zu Verfügung stehende Zeit, um seinen Eintopf zu kochen. „Mah (Fleisch) ist gut. Es hält uns warm“, sagt er grinsend das mit der Axt geklopfte Fleisch in das kochende Wasser gebend. Da wir kaum noch getrocknetes Fleisch besitzen gibt Tanja noch unsere einzige Fleischdose in den Topf. „So, damit werden wir bestimmt satt“, meint sie.

Am frühen Abend verabschiedet sich die Sonne mit einem brennenden Streifen am Himmel. Ihre Strahlen tauchen die Lärchenwälder in rotglühendes Licht. Die feurig aussehende Taiga wird von der sie umgebenden grellweißen Schneedecke gelöscht. Ein Berg streckt aus dem Inferno seine von leichtem Nebel umwobenen Gipfel in den sich aufklärenden Himmel. Staunend sitzen wir da und betrachten das Naturschauspiel. Nur wenige Minuten glimmt dieses seltene Licht auf dann verschwindet es so schnell wie es gekommen ist. Mit Bilgee knie ich am Feuer und studiere meine Navigationskarten. „Wenn wir Renchinlkhumbe umgehen sind wir in spätestens zwei Tagen in Tsagaan Nuur“, meint Bilgee. Da ich in dem kleinen Ort Lebensmittel kaufen wollte hatte ich den Umweg eingeplant aber die Versuchung abzukürzen ist groß. „Schaffen wir das ohne Nachschub?“, frage ich meine Logistikchefin. „Wie gesagt, außer Brot brauchen wir nichts. Und ich denke wir kommen die paar Tage ohne Brot aus, oder?“ „Klar“, nicken Bilgee und ich. „Jedoch sind Abkürzungen nicht immer schneller. Manchmal ist der Weg beschwerlicher und man benötigt mehr Zeit als auf dem vermeintlich längeren Weg“, gebe ich zu bedenken. Bilgee lacht. „Wir brauchen nicht länger. Wir reiten querfeldein. Das erspart uns einen Reisetag“, versichert er, weshalb ich einverstanden bin morgen den Ort Renchinlkhumbe links liegen zu lassen und übers Land abzukürzen.

Unseren Eintopf löffelnd sitzen wir bei ca. minus 19 °C am Feuer. „Der Schneefall hat aufgehört und es klart auf“, sagt Bilgee sein Gesicht in den Himmel reckend. „Könnte ne kalte Nacht werden“, meine ich meinen Deel zuknöpfend. „Hm, ja es wird eine kalte Nacht“, bestätigt unser Pferdemann. „Ob unser Nachschub, den Saraa mit dem Allradbus nach Tsagaan Nuur sendet, bei dem gefallenen Schnee rechtzeitig über die Pässe kommt?“ „Wie meinst du das?“, möchte ich wissen. „Na ich hoffe, dass wir alles rechtzeitig bekommen wenn wir in Tsagaan Nuur sind“, überlegt Tanja. „Vielleicht ist es ja schon dort wenn wir die Hütte von Ayush erreichen? Das könnte ich mir vorstellen“, antworte ich. „Mich würde eher interessieren ob unser in Mörön engagierter Pferdemann Tulgaa es fertig bringt bei dieser Saukälte unsere Pferde von Tsagaan Nuur nach Mörön zurückzubringen?“, überlege ich. „Das schafft er bestimmt“, beruhigt uns Bilgee. „Na mal sehen. Es bleibt spannend“, antworte ich aufstehend, um mich ins Zelt zurückzuziehen.

Es sind nur fünf

Während meiner Wachschicht von 24:00 Bis 2:30 Uhr habe ich das Gefühl als würde mir die Nasenspitze einfach abfrieren. Ich schlüpfe tief in meinen Schlafsack und ziehe wie so oft die Schlafsackhaube bis zur Faustgröße zu. Auch das Band, mit dem man den die Daunenhülle zwischen Hals und Schulter so zuraffen kann, das keine eisige Außenluft vom Kopfbereich zum Körper strömt, ist nun auf Anschlag gezogen. So gefangen und eingeschnürt in meine dicke Schlafhülle versuche ich mich warm zu atmen. Es dauert jedoch nicht lange und ich bekomme das beklemmende Gefühl von Luftmangel. Das halte ich noch einige Zeit aus bis mich der Rappel packt und ich japsent das Schulterband aufzerre und die Haube aufreiße. Sofort befällt mich grausliche, unmenschliche Kälte. Ich nutze diesen Moment, um nach draußen zu lauschen. Ist da ein fremdes ungewöhnliches Geräusch zu vernehmen? Schleicht ein Pferdedieb oder sogar Wölfe um unser Camp? Nichts zu hören. Der kurze Moment hat ausgereicht, um mein Gesicht schmerzen zu lassen, vor allem die Nasenspitze. „Oh hoffentlich erfrieren wir uns nicht die Nasen“, bete ich leise. Meine Füße fühlen sich wie Eiszapfen an. Habe wieder viel zuviel Wärme von meiner Wärmflasche dem doofen Laptop gegönnt, um ihn wie jeden Tag auf diesem Reiseabschnitt auf Arbeitstemperatur zu bringen. „Man oh man. Diese Reiseberichterstattung ist unvorstellbar energiekonsumierend“, denke ich und frage mich wer länger durchhält. Der Laptop oder ich? Einer von beiden wird einbrechen. Da bin ich mir ganz sicher.

„Oh meine Füße“, jammere ich und spüre die strahlende Kälte vom Permafrostboden durch die unter uns liegende Zeltbahn, die darauf ausgebreitete Pferdedecke, die darüber befindliche Isomatte und den obenauf gebreiteten Schafsfelldeel in den Expeditionsschlafsack strahlen. Da ich noch nie so gefroren habe wie heute muss es kälter sein als sonst. Viel kälter. Es ist 1:00 Uhr nachts als ich dringend pinkeln muss. „Da bringen mich keine 10 Pferde raus“, denke ich. Um 1:30 Uhr gebe ich meinem Harndruck nach. „Diese scheiß Kälte“, fluche ich, setze mich auf, schlüpfe aus meiner Daunenhülle und werde sofort von eisigen, bösen Fingern gepackt. „Huaaaa, huaaaa ist das kalt!“ Ich öffne den Reißverschluss des Zelteingangs, schlüpfe in meine Winterschuhe und öffne den Reißverschluss der Apside. Der eisige Atem der mich jetzt trifft hat etwas Abnormales. Etwas, was ich in dieser Art noch nie erlebt habe. Nur in meinen Schlafsachen gekleidet trete ich in den Schnee. Schnell laufe ich zur Zeltseite, an der unser Thermometer hängt. „Minus 30 °C! Wow! Kein Wunder! Oh man ist das kalt“, bibbere ich mehr als ich formuliere. Nur einen Meter weg vom Zelt pinkle ich in den Schnee. Kaum hat der Strahl den Boden getroffen friert er auch schon wieder fest. Routinegemäß hebe ich meinen Kopf zur Seite und zähle die Pferde. „Eins, zwei, drei, vier, fünf.“ Ich bin gerade im Begriff wieder ins sichere Zelt zu stürmen als ich kurz innehalte. „Fünf?“ Ich zähle erneut. „Eins, zwei, drei, vier, fünf. Passt“, sage ich vor mich hin und drehe mich nun zum Eingang. „Fünf??!! Wieso Fünf? Wir haben doch sechs Pferde. Vor Kälte jetzt kaum noch denken könnend zähle ich unsere Reittiere erneut. „Eins, zwei, drei, vier, fünf. Oh mein Gott. Wo ist der Sechste? Wo ist das sechste Pferd?“ Im Schein meiner Stirnlampe leuchte ich jedes Pferd an. Sar, Naraa, Sharga, Od, Bor. „Wer fehlt?“, frage ich mich und wundere mich warum mein Gehirn bei diesen Temperaturen nicht richtig zu funktionieren scheint. „Ah Tenger. Tenger fehlt. Es kann doch nicht sein das ein Dieb sich die kälteste Nacht meines Lebens aussucht, um in meiner verdammten Schicht ein Pferd zu stehlen?“, bibbere ich. „Tanja! Tanjaaa!!!“ „Ja! Was ist los?“, antwortet sie aus dem Zelt. „Tenger ist weg. Keine Ahnung wo. Er ist verschwunden!“, rufe ich wegen der Kälte und der irren Situation verzweifelt. „Zieh dir um Gottes Willen etwas Warmes an!“, fordert mich Tanja auf als ich in meinem Schlafanzug die Pferde einzeln ablaufe, um festzustellen das Tengers Seil abgerissen ist. „Kein Dieb“, sage ich im ersten Augenblick etwas erleichtert. Das Seil ist gerissen und er ist abgehauen!“, rufe ich. „Zieh dir was an Denis! Du holst dir da draußen den Tod!“, ruft Tanja fordernd und reicht mir meinen Deel ins Freie. Sofort schlüpfe ich in den rettenden Schafsmantel, der meinen ausgefrorenen Körper augenblicklich wärmt. Dann ziehe ich mir meine Fellmütze über und lasse meine Hände in dicke Handschuhe verschwinden die mir Tanja ebenfalls reicht. „Puh, das fühlt sich schon besser an“, blase ich aus und habe das Gefühl erstmal gerettet zu sein.

„Bilgee! Bilgeeee!“, wecke ich unseren Pferdemann. „Tijmee (Ja) Was ist los?“, antwortet er. „Tenger ist weg.“ „Juu!?“, („Was!?“) „Tenger ist weg“, wiederhole ich. Es dauert nicht lange und Bilgee kommt in seinen Winterdeel gekleidet, dicke Filzstiefel an, in die kalte Dunkelheit geschlüpft. Kaum haben wir den Platz erreicht, an den Bilgee Tenger angebunden hatte, fällt seine Stirnlampe aus. Sofort hole ich aus dem Zelt Ersatzakkus, die wegen den Temperaturen auch nicht lange versprechen zu arbeiten. Im Schein unserer Taschenlampen verfolgen wir Tengers Spuren. Der erfahrene Jäger Bilgee kann Tengers Abdrücke von den anderen Spuren, die die Pferd gestern Abend hier durch den Schnee gezogen haben, unterscheiden. Ich bin verblüfft, denn für mich sehen sie alle gleich aus. Es dauert einige Zeit bis ich darauf komme was das Erkennungsmerkmals von Tengers Spuren ist. Er schleift ein Stück kurzes Seil hinter sich her dessen Ende im Schnee an manchen Stellen einen kleinen länglichen Streifen hinterlässt. Wir stapfen nun nach Osten am Zelt vorbei. „Braucht ihr Hilfe Denis?“, fragt Tanja. „Nein. Bleib liegen“, antworte ich, da eine dritte Person im Augenblick auch nicht mehr ausrichten kann als wir beide. „Verlauft euch nicht!“, warnt uns Tanja. Ich halte kurz inne und denke über die Konsequenzen nach sich bei diesen Temperaturen tatsächlich zu verlaufen. Keine Frage, sie wären tödlich. „Nicht möglich. Unsere Spuren werden uns immer den Weg zum Camp zeigen“, antworte ich. Aber was ist wenn die Batterien unserer Stirnlampen ausfallen? Überlege ich weiter. „Okay, gib mir bitte das GPS raus“, sage ich zu Tanja noch mal zum Zelt zurückstapfend.

Das GPS in der Tasche folge ich Bilgee und jetzt Tengers Spur nach Osten. Dann verliert sie sich. Ob wir der Richtigen nachgespürt haben? Bilgee spricht unaufhörlich leise vor sich hin. Er scheint gelassen und zuversichtlich zu sein. Nur was ist wenn Tenger zum Fluss gelaufen ist, um etwas zu saufen? Was wenn er sich einer der hier lebenden Pferdeherden angeschlossen hat? Meine Gedanken überschlagen sich. Kommen wir ohne Tenger aus? Wir müssten die Ausrüstung auf die anderen Pferde verteilen und Bilgee müsste Bor oder Sharga reiten. Das wäre vielleicht machbar, überlege ich als wir jetzt in den dichten Wald laufen, weiteren Abdrücken auf den Fersen. Es ist fast ein wenig unheimlich in der Dunkelheit bei minus 30 °C durch die Taiga zu stapfen, in der es nach Aussagen der Hirten viele Wölfe gibt, die häufig Pferde oder Rinder reißen. Mir ist bewusst das Wölfe nur in der Geschichte und nur in sehr seltenen Fällen Menschen angegriffen haben. Wahrscheinlich nur dann wenn ein Mensch sich in den Wäldern verirrt hat und verletzt war. Aber wehrhaft sind Bilgee und ich in diesem Moment nicht gerade. „Oh man. Das hätte jetzt kurz vor dem Etappenziel doch nicht mehr passieren dürfen“, fluche ich leise. „Juu?“, („Was?“) fragt Bilgee. „Ach nichts“, antworte ich mit ihm durch den knirschenden Schnee weiter voranstapfend. Unsere Spur in den Wald endet auch im Nichts. Anscheinend waren es nicht Tengers Fährten. Wir kehren um und als wir wieder auf die Lichtung treffen verwirren uns unzählige von Hufabdrücken im Schnee. Klar, der Hirte der mit seiner Pferdeherde am Nachmittag hier durchgezogen ist, hat das Spurenchaos verursacht. Oh wie sollen wir da nur unser Pferd finden? Jetzt läuft Bilgee nach Westen. Langsam verstehe ich seine Taktik. Er schreitet die äußerste Spurengrenze unseres Lagers ab und folgt jedem Abdruck der diesen Kreis verlassen hat. Raffiniert. Auf die gleiche Weise habe ich mal unsere Kamele in Australien gesucht, die sich auf dem Weg nach Wasser in einer unbeobachteten Minute aus dem Staub gemacht hatten. Damals war die Situation noch gefährlicher als jetzt, denn wir hatten mitten im erbarmungslosen Outback bei plus 68 °C in der Sonne und plus 48 °C im Schatten alle Lastentiere verloren. Ohne sie wären wir da nicht lebendig rausgekommen. Jetzt ist uns nur eins von sechs Pferden abhanden gekommen. Allerdings bei minus 30 °C. Wie auch immer. Es ist leidig und unnütz Situationen zu vergleichen.

„Juu tsch ügüj“, („Nichts“) meint Bilgee. Jetzt bleibt nur noch eine Richtung. An den Händen, Füßen und im Gesicht frierend knirsche ich durch den Schnee. „Vielleicht erkennen wir seine Augen im Lichtstrahl der Stirnlampen?“, schlage ich vor unsere Suchtaktik zu verändern. „Hm“, antwortet Bilgee weiterhin einer Fährte nachschreitend die aber keinen länglichen Streifen einer Schnur zeigt. Während Bilgee den Kopf nach unten konzentriert durch den Schnee stapft, lasse ich den starken Strahl meiner Taschenlampe über die Lichtung und in den Wald gleiten. Immer in der Hoffnung auf zwei reflektierende Augen zu treffen. Ich habe die Hoffnung schon fast aufgegeben unseren Tenger jemals wieder zu finden als ich plötzlich etwas aufblitzen sehe. Abrupt halte ich inne und lasse den gleißenden Strahl der Taschenlampe immer wieder über die Reflektion gleiten. Ohne Zweifel, da sind Augen. Weil sie sich nur 200 Meter von unseren eigenen Pferden entfernt befinden, könnte es in der Tat Tenger sein. „Bilgee!“, rufe ich leise. „Schau dort drüben“, sage ich und halte den Lichtstrahl auf den sich leicht bewegenden Augenpaar. „Sain“, („Gut“) sagt er grinsend. Schnell stapfen wir in die Richtung der leuchtenden Punkte. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Da steht er tatsächlich friedlich im Schnee, nach Fressbaren scharrend unter einem Baum. Genau da wo wir vor 20 Minuten schon mal kurz vorher umgedreht sind. Leider hat er kein Führungsseil wie vermutet am Hals hängen. Sein Seil ist direkt am Karabiner gerissen.

Da Tenger der Scheuste von allen unseren vierbeinigen Kameraden ist, benötigt man viel Erfahrung um ihn einzufangen. Bilgee pfeift leise ein Liedchen und tut so als wäre es die normalste Situation der Welt. Er bückt sich, dem Pferd glaubend machend, an seinen Hoppeln zu arbeiten, die ebenfalls offen sind. Tenger ist also komplett frei. Er schnaubt nervös und springt einen Schritt zurück. Bilgee folgt ihm noch immer pfeifend. Schon irre wie man bei den Temperaturen um 2:30 Uhr am Morgen ein fröhliches Liedchen pfeifen kann. Da Tenger sich nicht fangen lässt und immer wieder ausweicht nehmen wir ihn in die Zange. Auf der einen Seite befindet sich undurchdringliches Gebüsch der Taiga und auf der vorderen Seite nähern wir uns scherenförmig wie in Zeitlupe. „Brrrrrr“, schnaubt das nervöse Pferd. Bilgee kniet sich in den Schnee, bekommt die offene Hoppel zu fassen und schließt sie. Sich langsam am Hals hochtastenden greift er nach seinem Halfter. „Guter Junge“, flüstere ich erleichtert. Dann binden wir ihn wieder zu seinen Pferdekollegen. „Tawtaj nojrsooroj“, („Gute Nacht“)sage ich zu Bilgee. „Tawtaj nojrsooroj“, antwortet er freundlich. „Bilgee?“ „Tijmee?“ „Tschin setgeleesee bajrlalaa (Herzlichen Dank). Das hast du fantastisch gemacht“, sage ich und drücke ihm meinen Dank zeigend die Hand.

Es ist kurz vor 3:00 Uhr und noch immer minus 30 °C als ich wieder in unser Zelt schlüpfe. Schnell habe ich mich in meinem Schlafsack verkrochen. Obwohl es hier drinnen im Vergleich zu draußen geradezu paradiesisch warm ist bleiben meine Füße bis zum Morgen kalt. Ich lasse meinen Gedanken Revue passieren und komme zu dem Schluss, dass diese Nacht die bisher kälteste und wahrscheinlich auch eine der unangenehmsten in meinem bisherigen Leben ist.

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