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Riskante Flussüberquerungen und brechende Eisschollen

Mongolei/Schnee Camp — 30.10.2011

Auch heute Morgen ist unser Innenzelt wieder eine kleine Eisburg. Der frostige Wind bläst unvermindert aus der Schlucht und lässt die Zeltbahn knattern. Das Thermometer steht um 9:00 Uhr auf minus 12 °C. und das Wasser in den Beuteln ist zu einem betonharten Block gefroren. Nicht unbedingt ein Morgen an dem man gerne aus dem Zelt geht, um ein Frühstück zu bereiten. Tanja beklagt sich über kalte Finger und Füße als sie versucht ein Feuer zu entfachen. Bilgee reitet wie ein Indianer ohne Sattel auf Sharga und treibt die anderen Huftiere zum See. „Das Wasser ist so kalt, dass sie kaum getrunken haben“, sagt er später.

Um 12:00 Uhr kehren wir den Khuvsgul See den Rücken. Erst nächstes Jahr im Frühsommer werden wir wieder hier sein, um den traumhaft gelegenen See komplett zu umreiten. Als wir die Schlucht erreichen hat sich der Wind nahezu komplett gelegt. Wir entdecken die ersten Wolfsspuren die viel größer sind als die von Hunden. „Müssen große Tiere sein“, meint Tanja. Wir folgen einen kleinen zugefrorenen Fluss. An manchen Stellen aber sehen wir das Wasser durch ein Loch im Eis sprudeln. „Hier gibt es also doch genug Wasser für unsere Pferde“, stelle ich erleichtert fest. Der Weg dem wir folgen ist schlecht. Wurzeln, grobe Steine und Millionen von Löchern reihen sich hinter- und nebeneinander. Da wir uns auch heute mindestens 30 Kilometer vorgenommen haben bleibt dieser Wunsch schon zu Beginn des Tages in den vielen hartgefrorenen Löchern des Pfades hängen. Unerwartet windet sich der gefrorene Wasserlauf über unseren Weg. Vorsichtig queren wir die Eisplatten. Sehr darauf achtend, dass keines unserer Tiere rutscht und fällt. Mit jedem Meter geht der Pfad stetig nach oben. Die steilen Bergflanken links und rechts von uns schlucken das Sonnen- und Tageslicht. Es ist also recht düster. Plötzlich sehen wir die Spuren von Fahrzeugen. „Was muss das für ein Auto sein welches durch und über diesen gefrorenen Acker fahren kann?“, frage ich mich wundernd. „Hörst du das?“, sage ich in den Wald lauschend. „Was?“, fragt Tanja. „Ich glaube ich kann eine Motorsäge ausmachen. Da werden Bäume gefällt“, bin ich mir sicher. Wenige Minuten weiter den Berg hoch lassen die Geräusche kein Zweifel offen. Hier wird gearbeitet. Dann stoßen wir auf Menschen. Warum auch immer, aber sie arbeiten zu dieser Jahreszeit an der Ausbesserung des Weges. Es ist eine Art Bautrupp. Die teils verhauten Gestalten blicken uns genauso überrascht und neugierig an wie wir sie. Es sind gezeichnete Gesichter. Von der Kälte rotbackig, manche faltig, blicken sie uns an. Das Lächeln einiger von ihnen entschärft ihr derbes Aussehen. Acht Männer zwischen 20 und 55 Jahre alt versuchen hier das aus meiner Sicht bald Unmögliche. Sie erweitern den Pfad damit auch Autos hier durchkommen. Natürlich kein Auto im herkömmlichen Sinne. Wenn sich hier ein Fahrzeug über den Weg und durch die Wildnis ackern kann dann nur ein massiver russischer Allradjeep. Bilgee unterhält sich mit den Männern, die natürlich allesamt ihre Arbeit eingestellt haben. Er fragt nach dem Weg und die Männer möchten wie üblich wissen woher wir kommen und wohin wir reiten. „Oh nach Tsagaan Nuur? Und das im Winter? Ihr müsst ja irre sein“, hören wir und spüren dabei wie wir auf unseren Sätteln etwas zusammenschrumpfen. „Dort ist es sehr kalt“, sagt einer von ihnen und zur Bekräftigung schüttelt er sich am gesamten Körper wie Espenlaub. Nun, das Bild kennen wir bereits. Für mich ist es allerdings verblüffend selbst hier, in dieser kalten, unzugänglichen Wildnis, vor einem anscheinend noch kälteren Ort gewarnt zu werden. Einer der Männer deutet auf Mogi, hebt ein imaginäres Gewehr und schießt auf ihn. Dann grinst er frech, während die anderen lachen. Ob man Mogi den Schafkiller schon ansieht? Wir verabschieden uns wenig später von den rauen Gesellen und setzen unseren beschwerlichen Ritt fort. „Sain jawaaraj!“ („Gute Reise!“) rufen sie uns hinterher. Nur dreihundert Meter weiter treffen wir auf ihr einfaches Lager. Zwei russische Jeeps stehen neben zwei Tipis in denen sie hausen. Die Männer Schlafen auf dem Boden. In der Mitte befindet sich ein Kanonenofen der für genügend Wärme sorgt. Ich schieße ein paar Bilder und folge dann Tanja und Bilgee.

Ab jetzt müssen wir immer öfter aus dem Sattel steigen, denn der Weg führt ständig über den sich windenden gefrorenen Wasserlauf. Wegen der Spiegelglätte ist reiten in vielen Fällen riskant. Vorsichtig ziehen wir unsere Pferde über das Eis. Manchmal allerdings ist die Eisdecke brüchig. Um nicht nass zu werden sind wir jetzt gezwungen zu reiten. Bilgee sucht immer öfter eine Furt durch den Flusslauf. Ihn auf unberechenbaren, undurchsichtigen Eis zu überqueren ist riskant. Der Wasser könnte zu tief sein wenn die Pferde einbrechen. Sie könnten stürzen und mit uns untergehen. Eine Furt über den immer breiter werdenden Flusslauf zu finden ist wie so oft auf dieser Reise eine unerwartete Herausforderung. Manchmal folgen wir dem Gewässer solange bis wir einen nicht oder nur wenig zugefrorenen Bereich entdecken der uns verrät wie tief es an dieser Stelle ist. „Hier ist eine Möglichkeit!“, ruft Bilgee und winkt uns zu sich. Tenger scheut und möchte nicht in das kniehohe mit Eisrändern zerfranste Wasser. Es kostet Bilgee große Mühe seinen störrischen Tenger durch die kalten Fluten zu treiben. Eis bricht und schabt. Hier reinfallen wäre bei den Außentemperaturen tödlich. Tanja folgt Bilgee und zieht Sharga und Bor hinterher. Es ist ein beeindruckender Anblick. Da ich Bor treiben muss, damit er nicht mitten im Eisfluss stehen bleibt und somit Tanja das Führungsseil aus der Hand reißt, bin ich ihr dicht auf den Fersen. „Tschu! Tschu! Tschuuu!“, brülle ich, die Pferde vor mir antreibend. Die Leine Mogis und meine Zügel halte ich dabei in der linken Hand, während die Rechte ein Seil schwingt, welches ab und an auf Bors Hintern niederfährt. „Tschu! Tschu! Tschuuu!“, brülle ich aus Leibeskräften.

Das Wasser spritzt. Mogi ist bis zur Hüfte verschwunden. Eis kracht, Schollen knacken und zerbersten unter dem Gewicht der Tiere. Aus den Nüstern der Pferde dampft stoßweise Atem. Am anderen Ufer sicher angekommen sind wir jedes Mal erleichtert. Reiten unter solchen Bedingungen ist eine Herausforderung der Superklasse. Manchmal müssen wir ein Meer von fußballgroßen Kieselsteinen queren. Die Pferdefüße stelzen vorsichtig hindurch. Gerne würde ich das fotografisch festhalten aber dafür ist keine Gelegenheit. Wir drängen trotz des Schneckentempos voran. Keine Pause für ein Foto. Bilgee treibt zur Eile. Ständig gejagt von der kommenden Kälte die uns seit Tagen jeder Nomade ankündigt. Wieder müssen wir über den Flusslauf der seltsamer Weise noch breiter ist als vor zehn Minuten. Erneut geht es über die brechenden Eisschollen in gleicher Manier wie heute schon mindestens zehn Mal.

Gesäumt ist das breiter werdende Bergtal von Lärchenbäumen die hier die einzige vorhandene Baumsorte zu sein scheint. Wegen der Eisglätte und der daraus resultierenden Rutschgefahr verlassen wir den Pfad und reiten auf die rechts von uns befindliche Bergflanke hoch der wir dann ihrer Länge nach folgen. Ich frage mich ob das eine gute oder schlechte Entscheidung war. So wie es im Augenblick aussieht ist der Hang eine einzige Megaquelle die auf seiner gesamten Länge im Sommer Wasser ins Tal fließen lässt. Jetzt hingegen laufen wir auf einer riesigen, sich talwärts neigenden Eisfläche. Die Pferde rutschen immer häufiger. Bor fällt sogar dreimal auf die Knie, kann sich aber gerade noch rechtzeitig aufrappeln. Mein Adrenalinspiegel steht auf Anschlag. Mit Sar zu einem einzigen Wesen verschmelzend spüre ich jede seiner Unsicherheiten. Er rutscht häufig. Zum Glück hat er vier Füße. Einen Zweibeiner hätte es schon mehrfach auf die Schnauze gehauen.

Der dünne Lärchenwald um uns herum ist hier völlig verbrannt. Ein riesiges Feuer muss im Sommer in dieser Region gewütet haben, dem hunderttausende von Quadratkilometern Wald zum Opfer gefallen sind. So weit wir sehen können, bis zu den Gipfeln der Berge links und rechts des Tales, überall ragen die gleichen verkohlten Baumleichen ihre schwarzen Stämme anklagend in den drüben Himmel. Ich wende mich im Sattel und erblicke hinter uns einen blauen Schimmer des Khuvsgul. Dann verschwindet der nun viel tiefer gelegene See hinter den Baumleichen. „Chhhrrrrt, chhhrrrrt“, schabt das auf Bors Rücken geladene Solarpanel an einem verkohlten Stamm vorbei. „Aufpassen!“, warne ich Tanja, die ihre Mühe hat die Pferde durch das Labyrinth von Bäumen und Eis zu manövrieren.

Mogi zieht auch hier wie ein Irrer an seiner Leine. Nach wie vor habe ich mit ihm meine Schwierigkeiten und sehne mich in den letzten Tagen nicht nur einmal nach meinen zwei Packpferden zurück. Jedoch möchte ich hier nicht den Eindruck erwecken als wäre das Führen zweier Packpferde eine Leichtigkeit. Sie durch dieses Gelände zu bringen, noch dazu auf dem eisigen Untergrund, erfordert exzellente Reitkenntnisse. Immer wieder blicke ich zu Tanja und bin stolz auf sie. Welche Frau würde so ein hartes Abenteuerleben schon mit mir teilen? Vielleicht eine aus einer Million? Auch wenn wir von Frauen schon öfter gehört haben uns gerne begleiten zu wollen. Die Realität ist meist völlig unromantisch. Sieht klasse auf den Fotos aus, hat aber mit der sogenannten Romantik kaum etwas gemein. Bei dieser eisigen Kälte für Tage und Wochen durch ein wildes Land zu reiten, welches hinter jeder Biegung mit einer neuen, noch nie da gewesenen Herausforderung aufwartet, ist schwer verdaulich. Wenn man sich mal in diese Abgeschiedenheit hineingearbeitet hat gibt es kein Zurück mehr sondern nur noch ein Weiter. Aber ich möchte bei dieser Erklärung wiederum nicht ungerecht erscheinen. Sicherlich gibt es die eine oder andere Frau in deren Brust ein wirkliches Abenteuerherz schlägt. Nicht nur für ein paar Wochen, sonder ein Herz von Tanjas Qualität, die ihr gesamtes Leben dem Abenteuer, Forschen und Extremreisen verschrieben hat.

In 2000 Meter Höhe erreichen wir die Passhöhe auf der ein obligatorischer Ovol seine dünnen Stämmchen in den trüben Himmel reckt. Tierschädel hängen an den Holzstangen. Krücken und anderes Zeug liegen in der Höhle die sich unter dem Holz gebildet hat. Wie es der Brauch verlangt umreiten wir dreimal den Ovol und wünschen uns Gesundheit, Glück und einen sicheren Expeditionsverlauf. Von unserer erhabenen Position sehen wir am Ende des Tales erneut den Khuvsgul zu uns nach oben spitzen. Weil wir von der Passhöhe nun in etwas tiefere Gefilde des Hochtals reiten, werden wir ihn für viele Monate nicht mehr sehen.

Wir erreichen ein gewaltiges Flussbett. Auch darin fließt zu dieser Jahreszeit nur wenig Wasser. Trotzdem müssen wir den etwa bis zu 20 Meter breiten Wasserlauf queren. Auch er ist an vielen Stellen zugefroren. Die Eisdecke ist ebenfalls trügerisch und bricht wenn Pferde darauf treten. Erneut wagen wir uns immer wieder und immer wieder über das Eis. Wir reiten über Fels und Geröll. Ein Hirte treibt seine Pferdeherde uns entgegen. Er ist auf dem Weg nach Mörön. Bilgee und er tauschen sich kurz aus. Dann folgen wir den Spuren der Herde, die uns die besten Stellen über den Fluss verraten. Mogi springt wie eine Gams durch das Wasser und an manchen Stellen versinkt er bis zu den Schultern in den eisigen Fluten. Der untere Teil der Seesäcke taucht ebenfalls in das eisige Wasser. Kaum erreichen wir das gegenüberliegende Ufer sind sie hart gefroren. Gott sei Dank sind sie wasserdicht wodurch unsere Ausrüstung und Ersatzkleidung trocken beleiben.

Aufeinmal beginnt es zu schneien. Erschöpft von der gefährlichen Passüberquerung legen wir neben dem großen Flussbett eine kurze Rast ein, um uns mit heißen Tee und Keksen zu stärken. „Kann die Kekse bald nicht mehr riechen“, sage ich, da wir sie schon seit Monaten zu unserer Rast vertilgen. „Ein leckeres dunkles Bauernbrot mit Käse und Wurst wären ein Traum“, lamentiere ich leise.

Bevor wir weiterziehen schlüpfen wir in unsere warmen Deels. Obwohl der Grund gefroren und glatt ist nutzen wir nun jede Gelegenheit, um im Trab Kilometer zu machen. Das Fell der Pferde ist schwer vereist. Vor allem ihre weiß gefrorenen Nüstern sehen regelrecht unecht aus.

Erst 20 Minuten nach Sonnenuntergang einigen wir uns auf einer Waldlichtung das Camp zu errichten. Da es genügend Gras zum Fressen gibt und ein Fluss nicht weit entfernt durch das Tal zieht, optimal für unser Nachtlager.

Kaum sind unsere Zelte errichtet, bekommen wir in dieser Abgeschiedenheit Besuch. Es ist eine junge Frau und ein Mann die auf ihren Pferden herangeritten kommen. Sie sind freundlich und sprechen in einer anderen Sprache. Jedoch sprechen nahezu alle von ihnen auch Mongolisch. „Es sind keine Mongolen sondern Menschen vom kleinen Volksstamm der Darkhaden die in diesem Teil der Mongolei leben“, erklärt Bilgee. Wie üblich wollen die Hirten das wissen was jeder wissen möchte und wie üblich fragt Bilgee nach der Beschaffenheit der noch vor uns liegenden Strecke. Unsere Besucher bedanken sich für die Kekse und heißen Tee. Eine Geste der Gastfreundschaft die in der Mongolei zu einem der ungeschriebenen Gesetze der Verhaltensregeln gehören. Dann verschwinden die beiden in der Dunkelheit. Sie folgen ihren Rindern die sie von irgendeiner Weide zu ihrem Heim treiben. Noch eine Weile hören wir das Knirschen der Pferdehufe und ihre Rufe. Dann verschlucken die Finsternis und der fallende Schnee jeden Laut um uns herum.

Bei minus 10 °C kocht Bilgee seinen Rindereintopf. Wie gewohnt zerschlägt er das tiefgefrorene Trockenfleisch mit der stumpfen Seite der Axt. Auf diese Weise wird es genießbar wenn man es ca. eine Stunde lang kocht. Später sitzen wir bei anhaltendem starken Schneefall um unser wärmendes Feuer und verschlingen heißhungrig den Eintopf. „Sieht nicht gut aus“, meint Bilgee auf den Schnee deutend. „Wie meinst du das?“, frage ich. „Wenn es weiter so schneit ist der Weg verschwunden und Flussüberquerungen werden noch tückischer“, erklärt er. „Hm, wir werden es schon schaffen. Wir müssen sehr achtsam sein und die Richtung finden wir auch mit dem GPS“, bin ich zuversichtlich.

„Wie weit ist es noch bis Tsagaan Nuur?“, fragt Tanja. „Laut Karte nur noch 55 Kilometer Luftlinie. Wenn alles glatt läuft könnten wir in drei Tagen dort sein“, überlege ich. Dann haben wir heute mehr Kilometer geschafft als wir dachten?“, ist Tanja verwundert. „In der Tat. Nach meinen Berechnungen dürften es 31 Kilometer sein die wir durch das unwegsame Gelände gezogen haben. Nach der Passüberquerung konnten wir viel traben. Das hat Land gut gemacht“, erkläre ich gut gelaunt. „Hm, bin froh wenn wir im Nest sitzen. Obwohl ich zugeben muss das mir diese Reise außerordentlich gut gefällt. Ehrlich gesagt ist sie einer der schönsten meines bisherigen Reiselebens“, sagt Tanja leise in die Flammen blickend.

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Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.