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Trauer um Mogi

Mongolei/Trauer um Mogi Camp — 28.10.2011

Mit minus 7 °C war die Nacht angenehm warm. Wir sind darüber verwundert, da die Einheimischen davon sprechen, dass es jeden Tag ein wenig kälter wird. Vielleicht haben wir ja doch das Glück einen warmen Winter erleben zu dürfen.

Heute setzen wir unsere Reise auf der für Touristen gebauten Schotterstraße fort, die sich am Ufer des Khuvsgul entlangwindet. Wir planen 30 Kilometer zu schaffen. Wegen dem einfachen Gelände eine machbare Vorgabe. Im Trab geht es über den harten Untergrund. Durch das viele Traben machen sich meine Lendenwirbel bemerkbar. Mittlerweile bin ich aber in der Lage mein Gewicht mit den Oberschenkeln abzufangen. Das heißt, ich plumpse nicht mehr so in den Sattel wie zu Beginn dieser Pferdereise. Machbar ist das nur weil sich in der Zwischenzeit Muskeln gebildet haben die ich vorher nicht hatte.

Mogi läuft wie in den letzten Tagen brav neben uns her. Die Freiheit bekommt ihm gut. Das Herumrennen macht ihn gelassener, weshalb er nicht mehr das Bedürfnis hat alles was sich bewegt zu jagen.

Die Hundebande begleitet uns noch immer. Im Gegenteil, wir glauben es sind sogar noch mehr geworden als gestern. Im Augenblick zähle ich mit Mogi und der jungen schwarzen Hündin drei weitere Vierbeiner. Plötzlich entdecken sie etwas vor uns und rasen los. Mogi als Führer seiner Gefolgschaft vorne weg. Fehlt nur noch das er während des Angriffs das Fahnenbanner schwingt. Noch kann ich nicht erkennen was die Meute ausgemacht hat als Bilgee schon losgaloppiert. „Schafe!!!“, fährt mir Tanjas Brüllen in die Glieder. Tatsächlich sehe ich sie jetzt auch. „Hier nimm!“, rufe ich Tanja zu, Bors Führungsseil zuwerfend, während ich Sar schon die Hacken in die Flanken drücke und Bilgee hinterher zu galoppiere. Zwei Hunde verfolgen eine Gruppe davonstürmende Schafe. Bilgee folgt ihnen, legt sein Pferd in eine bedenkliche Rechtskurve, um die Hunde von ihrem Angriff abzudrängen. Eis und Erdbrocken fliegen durch die Luft. Ich rase geradeaus weiter. Die gleiche Richtung die Mogi eingeschlagen hat. „Komm mach schon Sar! Schneller! Schneller!“, brülle ich als ich sehe das Mogi einen großen Ziegenbock auf eine Eisfläche neben dem See treibt. Noch bevor ich beim Geschehen bin beißt Mogi dem Bock in den Hintern. Der brüllt fürchterlich auf, versucht zu entkommen aber es ist zu spät. Mogi außer sich, in seinem Rausch nach Blut, zerrt an dem Bock. „Schneller!“ Oh man Sar schneller!“, brülle ich verzweifelt und sehe wie der Bock auf dem Eis ausrutscht und blökend zusammenbricht. Mittlerweile steh ich am Rande der Eisfläche, traue mich wegen der Spiegelglätte keinen Meter weiter. „Mogi! Mogi!!! No! Stopp!“, brülle ich aus Leibeskräften einen Befehl nach dem anderen. Ein großer Hirtenhund kommt ebenfalls herangerannt und hält Mogi in Schach. Der lässt von dem noch immer furchtbar klagenden Bock ab. Wie belämmert steht er neben seinem Opfer, welches verzweifelt versucht wieder auf die Beine zu kommen. In diesem Augenblick kommt ein Jugendlicher eine Böschung zu uns heruntergestürmt und schreit mich schon von weitem an. „Wir werden deinen Hund erschießen. Dieses Scheißvieh!“, verstehe ich als er neben seinem Gebrülle mit einem imaginären Gewehr unaufhörlich auf Mogi ballert. Es dauert nur Minuten als ein mit einem Gewehr bewaffneter Mann heranstürmt. Ehe ich mich versehe legt er eine Patrone ein, legt an und zielt auf unseren Hund. „Tschu!“, rufe ich leise in Sars Ohr und treibe ihn im Bruchteil einer Sekunde zwischen dem Bewaffneten und Mogi. Auch wenn ich verstehe, dass er Mogi gerne erschießen würde, kann ich das doch nicht einfach zulassen. Der Mann läuft einen Bogen um mich und legt erneut an. Schnell reiße ich Sar herum und stelle mich wieder in die Schussbahn. Mir ist bewusst ein riskantes Spiel zu spielen denn leicht könnte sich der Schuss lösen und mich treffen. Der ärgerliche Hirte nimmt das Gewehr runter. Eine Frau, wahrscheinlich die des Schützen, hastet übel zedern herbei und verstärkt das Bollwerk gegen uns und die Hunde.

Bilgee und Tanja finden sich mittlerweile ebenfalls ein. Ein übles Wortgefecht beginnt, welches Bilgee gelassen und freundlich pariert. Mogi, seine junge Hundefreundin und ein weiterer hübscher Rüde stehen während dessen da und sind sich höchstwahrscheinlich nicht bewusst in welcher Lebensgefahr sie sich befinden. Bilgee hat in der Zwischenzeit die zwei anderen Hunde davon abgehalten ein oder zwei Schafe der Familie zu reißen. Er erwies somit den Menschen hier einen großen Dienst. „Die Hunde gehören nicht uns“, erklärt er den lauter als zuvor geifernden Mongolen um uns herum. Keiner der Anwesenden nimmt von Bilgees Notiz. Ganz im Gegenteil beschimpfen sie ihn nach allen Regeln der Kunst. Da die anderen Hunde kein Halsband tragen sind sie nicht von Interesse. Aber Mogi, der den Ziegenbock niedergerissen hat, bleibt im Focus. Während die Familie uns niederschreit und der Mann versucht Tanja Mogis Leine aus der Hand zu nehmen, um ihn in den Hundehimmel zu schicken, suche ich das Eis nach dem Ziegenbock ab. Er ist verschwunden. Offensichtlich hat sich das arme Vieh von seinem Schock erholt und vom Eis gemacht.

Wir reiten nun zu den Jurten der Familie. Sie liegen direkt neben der Schotterpiste. Als wir dort ankommen müssen wir uns einem kaum auszuhalten Gezeter unterziehen welches demütigend und in schlimmer Form beleidigend ist. „Warum wollt ihr Mogi erschießen? Die anderen Hunde waren doch genauso beteiligt. Es sind nicht unsere Hunde. Die leben hier. Sind eine ständige Gefahr für eure Herde!“, versuche ich mit Zeichensprache zum Verstehen zu geben. Keiner reagiert. Der übel dreinschauende Mann möchte Tanja erneut die Leine aus der Hand reißen. Sie aber hält das geflochtene Lederband fest umklammert. Wieder schreitet er um Tanja herum, um dem Hund eine Kugel zu verpassen. Diesmal stellt sich Tanja dazwischen.

Wir sind uns unschlüssig wie wir uns verhalten sollen. Mit so einem Hund können wir nicht weiter machen. An der Leine zerrt er den ganzen Tag und fordert Tanjas ganze Aufmerksamkeit. Manchmal zieht er sie fast aus dem Sattel. Es wäre schön ihn frei herumlaufen zu lassen aber er ist ein Städter und möchte nun mal alles jagen was sich bewegt. Am liebsten blökende Schafe und meckernde Ziegen. Einen Maulkorb will er nicht tragen. Das ist ein Problem. Hier würden sie ihn gleich erschießen und das Problem wäre behoben. Das zu akzeptieren bringe ich aber unter keinen Umständen übers Herz. Doch wie kommen wir aus dieser Situation heraus? Anscheinend gibt es in der Mongolei ein Gesetzt, welches besagt, das jeder Hund der ein Schaf beißt oder sogar reißt erschossen wird.

Schnell ist das Thema Geld auf dem Tisch. Darum geht es also. Von wilden Hunden bekommt man nichts und da Kugeln in der Mongolei extrem Teuer sind will man sie auch nicht an streunende Hunde verschwenden. „70.000 Tugrik! (40,- €) Wir bekommen 70.000 Tugrik!“, geifert uns die Frau so laut an das mir regelrecht die Ohren klingeln. Ich sitze noch immer im Sattel und bin regelrecht apathisch, weiß nicht wie ich reagieren soll und wie wir diese üble Situation friedlich klären. 70.000 Tugrik zu bezahlen ist ein Unding. Das hatten wir schon. Wir würden blechen und sie behalten die Ziege. Also für was bezahlen wenn wir dann das Tier nicht bekommen? Auch wenn wir hier die Schuldigen sind wollen wir uns nicht erpressen und bedrohen lassen. „Wir haben kein Geld“, sage ich. „Wir bekommen 70.000 Tugrik!!!“, brüllt mich die Frau an und ich wundere mich, dass ihr bei dem Gekeife kein Schaum vor den Mund dringt. „Schau doch was sie alles besitzen. Die haben Geld! Rückt es raus!“, schreit sie während ihr Mann mit dem geladenen Gewehr neben ihr steht. „Unser Ziegenbock ist tot und ihr müsst bezahlen!“, brüllt sie weiter. „Wir haben kein Geld. Wir haben in Khatgal alles für Lebensmittel ausgegeben“, stärkt uns Bilgee den Rücken. „70.000!“, ist die unerbittliche Antwort.

„Zeigt mir den toten Ziegenbock!“, sagt Tanja und bückt sich, um in das eingezäumte Gelände der zwei Jurten zu gehen. Die Familie folgt ihr, während ich noch immer wie gelähmt im Sattel sitze. Minuten später kommt Tanja zurück. „Der Ziegenbock läuft quietschfidel herum. Wir haben die Stelle untersucht in die Mogi gebissen hat und nichts gefunden. Mogi hat nur ihr dickes Fell erwischt. Er ist offensichtlich unverletzt. Keiner der Menschen hier konnte mir nur ein bisschen Blut zeigen. Sie lügen. Sie wollen Geld, das ist alles“, erklärt sie. „70.000! Wir bekommen 70.000!“, kreischt es immer und immer wieder. „Für was?“, frage ich. Keine Antwort. Der Mann legt erneut die Patrone in den Lauf seines Schießprügels und versucht erneut Mogi hinzustrecken. Mittlerweile spüre ich in mir ungeheuren Ärger aufsteigen. Gefährlichen Ärger der einen Vulkanausbruch ankündigt. „Ich lasse mich doch verdammt noch mal nicht erpressen“, murmle ich, reiße meine Spiegelreflex aus der Tasche und fotografiere den Mann mit dem Gewehr, seine schlimmen Frau und den Sohn. Das zeigt irgendwie Wirkung. Sie haben kurzfristig Angst das Bild könnte beweisen wie sie uns mit dem Gewehr bedrohen. „Lass und gehen“, sagt Bilgee, steigt auf sein Pferd und reitet davon.

Nun alleine dastehend wissen wir nicht was wir tun sollen. Als ich mein Pferd wende, um Bilgee zu folgen, legt der Bewaffnete seine Hand, wie schon mal erlebt, an meine Zügel. Ein Fehler. Ein grober Fehler. Er scheint meine feuergefährliche Energie zu spüren. Noch ehe ich etwas sage zieht er seine Hand wieder weg. Bilgee kommt indes wieder zurück. Er bietet ihnen an den Hund zu erschießen. Die Familie geht darauf ein. Ich bekomme einen Schock. Wird jetzt Mogi wirklich erschossen? Oh nein. Bitte nicht.

Bilgee reitet erneut weg. Besonnen und ruhig wende ich mich stumm wie ein Fisch. Dann steige ich aus dem Sattel und laufe wie in Zeitlupe Bilgee hinterher. Tanja folgt mir. Bilgee stoppt. Er bindet sein Pferd an eine dünne Lärche. Nimmt sein Gewehr vom Rücken, während sich mir das Herz zusammenzieht. „Bitte nicht. Oh Gott was mache ich jetzt nur? Was soll ich tun? Das kann ich nicht zulassen? Oder doch? Ist es Mogis Schicksal? Gehört ein Städter nicht in die Wildnis? Oh was mach ich nur?“, bete ich als Bilgee eine Kugel einlegt, das Gewehr in eine Astgabel legt, um genauer zielen zu können und auf die junge, schwarze Hündin anlegt. Sie liegt jetzt recht zutraulich geworden, drei Meter von den Pferden entfernt, im gefrorenen Gras und schaut uns treuherzige an. Dann knallt der Schuss. Die Hündin zuckt tödlich getroffen zusammen. Im Todeskampf streckt sie alle Glieder von sich. Alsdann haucht sie noch mal aus und erschlafft. Ich stehe da als wäre ich im falschen Film. Mir ist speiübel. Tränen laufen mir die Wangen hinunter. Das hat die Hündin bestimmt nicht erwartet als sie und folgte. Sie wollte bei uns Schutz suchen, etwas zu Fressen und Zuneigung. Wollte sich mit den Menschen verbinden, um den Winter zu überleben und nun hat sie für ihr Vertrauen mit ihrem Leben bezahlt. Ich bin mir ganz sicher, dass sie nicht bei der Attacke auf die Schafe dabei war. Auch hat sie Mogi nicht bei seiner Hatz unterstützt. Sie war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein klassisches Opfer. Stumm nimmt Bilgee ein Seil vom Sattel, bindet die Hinterläufe der Hündin damit zusammen und zieht sie in den nahen Wald. Dann verstaut er vermeintlich seelenruhig das Seil wieder am Sattel und wendet seinen Kopf langsam zu uns. „Kommt schnell. Lasst uns weitergehen. Dreht euch nicht um. Schnell“, raunt er, worauf wir die Szene hinter uns lassen und der Piste folgen. Der Bewaffnete läuft uns hinterher. Seine keifende Familie ist im Jurtencamp zurückgeblieben. So wie es aussieht weiß er im ersten Moment nicht wie er mit der Situation umgehen soll. Er hat sein Blutopfer bekommen. Seine Rache erhalten. Zwar nicht an dem Hund der seine Ziege gebissen hat aber an einem Hund aus dem Rudel. Die Hündin ist ohne Zweifel ein Opfer. Das wird ihm nicht reichen. Sicherlich möchte er nach wie vor Mogis Tod. Es ist aber jetzt ein anderer Hund gefallen. Damit hat er nicht gerechnet. Bilgee hat den Menschen dort wahrscheinlich verklickert Mogi zu erschießen und einfach die wilde Hündin genommen, um Mogi das Leben zu retten. Sein cleverer Schachzug könnte aufgehen.

„Ist der Mann noch hinter uns?“, frage ich Tanja mich nicht wagend umzudrehen. „Ja, er ist uns noch auf den Fersen.“ „Oh nein. Bitte beende dieses Drama so friedlich wie möglich“, bete ich zu Mutter Erde, mir bewusst, dass es bereits ein Leben gekostet hat. „Dann soll er mir doch in den Rücken schießen“, ruft Tanja als würde sie auf meine Gedanken antworten. Man, was für eine schrecklich Situation. Und es war so ein perfekter Tag. Wieder schlägt die Gemütswelt der Mongolei völlig unverhofft zu. Der Abstand zwischen dem Mann und uns wird etwas größer. Wir entscheiden gleichzeitig in die Sättel zu steigen und zu reiten. Ganz langsam erhöhen wir das Tempo. Es darf nicht nach Flucht aussehen. Eine leichte Biegung des Weges nimmt uns die Sicht nach hinten. Wir nutzen den Moment, um loszutraben. Innerhalb von wenigen Minuten verschwinden wir hinter einer weiteren Biegung. Jetzt kann uns ein Mensch ohne Pferd nicht mehr einholen.

Zwei Stunden traben wir nun schon dahin. Schon lange nicht mehr auf der Staubpiste. Wir folgen dem Ufersaum des Khuvsgul. Der See beginnt an manchen Stellen zuzufrieren. Es geht über Eis, Grasnarben und über kleine Bäche. Immer wieder wende ich mich im Sattel. Keine Verfolger. Warum auch? Trotzdem liegt hinter uns ein unangenehmes Gefühl, haben wir etwas zurückgelassen was mir gar nicht schmeckt.

Wir entdecken zum ersten Mal auf der Reise eine saftige, nicht kahlgefressene Weide. In ihrem hohen Gras lassen wir uns erschöpft nieder. „Hier findet uns keiner“, sage ich zu Tanja. „Meinst du sie sind hinter uns her?“ „Glaube ich nicht aber es fühlt sich gut an zwischen diesen habgierigen Menschen dort und uns einen großen Abstand zu wissen und keine Spuren zu hinterlassen denen man nachspüren kann. Wer weiß was sich solche Menschen einfallen lassen? Zum Schluss fällt ihnen ein uns nachts im Camp aufzusuchen“, antworte ich.

„Denis?“ „Ja.“ „Wir können Mogi nicht mehr bei uns halten. Das ist dir klar?“ „Hm, irgendwie schon.“ „Er ist ein Schafskiller. Das bringt uns ständig großen Ärger ein. Abgesehen davon auch in Gefahr“, sagt Tanja bedacht. „Was schlägst du vor?“, frage ich etwas verunsichert. „Wir sollten ihn in Tsagaan Nuur bei Ayush lassen oder von dort nach Mörön zu Saraa schicken. Wenn Ayush, der Cousin von Saraa, den Hund nicht nimmt hat Saraa bestimmt eine Verwendung für ihn. Mogi hat auf diesem Trip schon viermal Schafe und Ziegen angegriffen. Das geht einfach nicht. Du siehst doch wie die Menschen darauf reagieren. Außerdem ist es teuer so einen Jäger als Begleiter zu besitzen.“ „Hmmm.“ „Kaum ist Mogi von der Leine findet er was zum Jagen und Beißen, selbst hier wo es angebliche keine Kleintiere gibt. Das ist eine Katastrophe. Ich kann zu ihm einfach keine Verbindung aufbauen. Abgesehen davon zieht er wie ein Irrer an der Leine. Da habe ich einfach keine Lust mehr drauf. Er verdirbt mir einen Teil der Reise. Dazu kommt noch das wir wegen ihm nicht richtig Fotografieren können. Du kannst nicht einfach vom Pferd steigen, die Kamera auspacken und drauf drücken. Erst muss ich Mogi irgendwo fest machen. Und wenn da nichts zum festbinden ist wie soll ich dann fotografieren?“, vernehme ich eine vernichtende Vielzahl an Argumenten die nicht zu widerlegen sind. „Nun gut, dann machen wir es so. Wir lassen ihn entweder bei Ayush oder schicken ihn mit einem Fahrzeug nach Mörön“, gebe ich klein bei und fühle dabei einen Klos im Hals hochsteigen.

Auf dem weiteren Ritt übernehme ich Mogi. Tanja möchte lieber Sharga und Bor führen als den ständig nach vorne eilenden Hund. Nun bin ich der Treiber denn ohne läuft Bor nicht. Mogi eilt tatsächlich nach vorne. Schon nach kurzer Zeit beginnt, durch den ständigen Zug, mein linker Arm zu schmerzen. Wenn Äste oder Baumstämme kommen weicht er ihnen derart dämlich aus, dass er sich urplötzlich auf der anderen Seite des Stammes befindet und mir dadurch seine Leine aus der Hand gerissen wird. Während Bilgee und Tanja weitertraben, bin ich nun gezwungen aus dem Sattel zu steigen, Mogi herzubeordern, die Leine wieder nehmen und mich erneut in den Sattel zu hieven. Wegen den heutigen Geschehnissen eh schon angeschlagen, kostet es mich große Beherrschung meinen Ärger nicht auf den armen Hund zu übertragen. Es dauert nicht lange und ich kann Tanja vollends verstehen. Mogi ist in der Tat schwieriger zu führen als zwei Packpferde. Trotzdem liebe ich den Hund, wobei ich mich eigentlich fragen muss warum. Bisher hat er in der Tat viel zu viel Ärger verursacht.

Erst mit dem Sonnenuntergang erreichen wir ein verstecktes Camp. Es ist eine saftige Weide umgeben von Lärchenwäldern. „Ab morgen wird die Futtersituation noch schwerer als bisher. Wenn wir den Khuvsgul verlassen müssen wir in die Berge. Dort gibt es kaum Gras“, meint Bilgee und freut sich deswegen umso mehr hier auf einen reichhaltigen Futtergrund gestoßen zu sein.

Mogi ist abseits von uns an einer Wurzel gebunden. Kleinlaut sieht er zu uns hinüber. Mir kommt es so vor als ahnt er was Tanja und ich entschieden haben. Als weiß er ganz genau das heute die emotionale Verbindung zu Tanja gerissen ist. Eine Verbindung die für ihn und seine Zukunft von großer Bedeutung hätte sein können. Er gibt keinen Ton von sich, hat sich zusammengekauert und blinzelt fast ängstlich zu uns herüber. An diesem Abend schenkt ihm keiner von uns wirklich Aufmerksamkeit. Zu groß war der Ärger. Auch ich sitze geknickt in meinen Deel gehüllt, kauernd an einen Baumstamm gelehnt. Vor lauter Aufregung ist mir die Hex ins Kreuz geschossen, weswegen ich eine Voltarentablette eingenommen habe. Ich blicke zu Mogi und plötzlich muss ich weinen. Meine Tränen versteckend, trauere ich um unseren Hund. Wie gerne hätte ich ihn auf dem gesamten Trip an unserer Seite gehabt und danach mit nach Deutschland genommen. Er ist ein Stadthund und das Outdoorleben noch nicht gewohnt. Zu wenig Zeit hatten wir investieren können, um ihn zu trainieren. Wie auch? Auf dieser Pferdeexpedition sind wir von früh morgens bis spät abends schwer beschäftigt. Abgesehen davon ist mir einfach nicht klar wie man einem Hund seinen angeborenen Jagdinstinkt abgewöhnt? Ob das überhaupt möglich ist? Interessanter Weise wird genau diese Rasse, deren Namen „Do Khyi“ heißt, (übersetzt angebundener Hund) auch zum Hüten von Schaf- und Ziegenherden eingesetzt. In Tibet werden sie als Klosterwachhunde genutzt. Die Do Khyi oder auch Mastif sind für ihre Robustheit und Ausdauer bekannt, vor allem aber dafür unter extrem kalten klimatischen Bedingungen arbeiten zu können. Menschen mögen diese Hunderasse für ihren ausgeprägten Treue und Familiensinn. Hm, den Treue und Familiensinn zeigt er uns tatsächlich. Er weiß, dass wir ein Team sind. Das wir drei auf dem Trip zusammengehören. Ob er auch weiß, dass sein Leben heute an einem seidenen Faden hing?

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