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Von der Taiga umklammert

Mongolei/Einsamer Hund Camp — 27.10.2011

Nach einer ruhigen Nacht, ohne streitenden Nachbarn und Wölfe im Camp, begrüßen wir den sonnigen Morgen. Obwohl sich das Wetter nicht geändert hat fühlt sich der Tag anders an als sonst. Das Rauschen der Wellen und die große Wasserfläche, die sich vor uns ausbreitet, sind anscheinend der Grund. Sie versetzen uns in eine eigenartige Hochstimmung. Zum Frühstück esse ich mal was anderes. Weißbrot in Tee einberockt und ein wenig Zucker darüber. „Hm, lecker“, murmle ich mir das weiche Gelapper einverleibend. Keine Frage, auf so einer Reise wird man bescheiden. Vor allem was das Kulinarische angeht.

Gefolgt von einer jungen, herrenlosen Hündin verlassen wir wie üblich das Camp erst zur Mittagszeit. „Jeder von euch sollte ein Packpferd nehmen. Um zwei zu führen wird der Weg zu eng Denis“, empfiehlt Bilgee, worauf ich Sharga an Tanja gebe und jetzt nur noch Bor ziehen muss. „Jetzt, nachdem Mogi herumlaufen kann wie er möchte, habe ich mich darauf gefreut mal ohne Leine in der Hand reiten zu können. Hm, falsch gedacht“, meint Tanja und nimmt mir Sharga ab. Schon nach wenigen hundert Metern dringen wir in den dichten, dunklen Lärchenwald ein. Der schmale Pfad führt steil nach oben. Der Untergrund ist von Wurzelgeflecht durchzogen, welches sich unter dem Nadelteppich versteckt. Felsen ragen immer öfter aus dem Waldboden, sind unkoordiniert umhergestreut als hätte ein Riese damit gewürfelt. Wir winden uns um die Bäume und müssen darauf achten das Führungsseil der Packpferde nicht darum zu wickeln. Aus dem Augenwinkel nehme ich plötzlich eine Regung wahr. Ich wende meinen Kopf nach links, dorthin wo ich glaubte eine Bewegung gesehen zu haben. Nichts. Es ist nichts zu erkennen. Nur ein paar Meter weiter hören wir einen Ruf durch das Gedicht. Ungläubig starren wir auf einen bewaffneten Mann. Er sitzt auf seinem Pferd und beobachtet uns. „Offensichtlich ein Jäger“, sage ich zu Tanja. Bilgee beginnt mit dem Fremden ein Gespräch. Wieder geht es darum woher wir kommen und wohin wir gehen. Vor allem aber in welche Richtung wir müssen und ob wir uns hier auf dem richtigen Pfad befinden. „Sie sind einfach überall. Selbst hier, mitten im dichten Bergwald, treffen wir auf Menschen. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, wie riesig dieses Land ist und wie wenig Menschen hier leben“, wundere ich mich zu Tanja geneigt. Während der Unterhaltung steige ich von Sar, um meinen rutschenden Sattel und Satteltaschen zu richten. Da ich für den Deel bisher noch keine richtige Lösung fand ihn richtig auf die Banane zu spannen, rutscht er ständig nach links oder rechts und zerrt dabei die Satteltaschen mit. Um weitere Schwitzattacken zu vermeiden, ziehe ich ihn mittlerweile nur noch dann an wenn es richtig kalt wird. Meist am frühen Morgen oder gegen Abend. Die Sattelriemen straff gezogen, den Deel neu versurrt, geht es weiter. Immer steiler wird der Pfad. Wir können uns nur noch auf dem Pferderücken halten indem wir uns bis zum Pferdehals nach vorne beugen. Somit balancieren wir wie Akrobaten die Steigungen nach oben. Die Strahlen der Sonne blinzeln vereinzelt durch das Geäst über unseren Köpfen und werfen grelle Lichtflecken auf den Waldboden. Mit dem erreichen der Taiga erleben wir eine drastische Landschaftsveränderung. Die Hündin, die uns seit dem letzten Camp folgt, läuft im gebührenden Abstand hinter oder vor den Pferden. Mogi hat sie als Freundin akzeptiert und spielt häufig mit ihr. „Vielleicht sollten wir sie in unser Team aufnehmen?“, überlege ich während einer kurzen Verschnaufpause. „Zwei Hunde durch den Winter zu bringen ist sicherlich nicht einfach. Ist jetzt schon eine Herausforderung Mogi satt zu bringen“, gibt Tanja zu bedenken. „Vielleicht hast du Recht. Dann geben wir ihr erstmal nichts zu Fressen. Sie wird dann eventuell wieder dorthin zurückkehren woher sie gekommen ist“, hoffe ich.

In etwa 1.800 Meter Höhe lassen wir den dichten Wald für eine Weile unter uns. Azurblauer Himmel wölbt sich über unsere Köpfe. Die Steigung des Berges wird etwas gefälliger. Jetzt schimmert auch wieder das tiefe Blau des Sees zu uns nach oben. Die Sicht ist geradezu erhaben. Ohne Schwierigkeiten können wir zur Ostseite des Khuvgul blicken, der mit seinen 383,3 Kubikkilometer das größte Süßwasserreservoir der Mongolei ist.

Nur kurz ist die Zeit des freien Blickes als uns schon wieder der Wald verschluckt. In seinem Schatten haben wir das Gefühl als würden wir unsere Köpfe in eine Gefriertruhe stecken. Die geheimnisvolle Tiefe und Düsternis der Taiga haucht uns unaufhörlich aus ihrem eisigen Schlund entgegen. Ich bekomme kalte Füße. Vielleicht sind drei Paar Socken für den Schuh zu viel und der Fuß kann nicht atmen? Wegen dem enormen Schweißfluss in unseren Winterschuhen und weil der Schweiß dann innen gefriert und den Fuß kühlt, tragen wir seit heute wieder unsere Reitschuhe. In dieser Sache müssen wir uns dringend etwas einfallen lassen denn sollten die Temperaturen weiter fallen, besteht die Gefahr uns die Zehen zu erfrieren.

Der Weg wird geradezu haarsträubend gefährlich. Spiegelglattes Wurzelgeflecht, versteckt unter der Nadeldecke, Steine und Felsen, die sich zwischen den Baumstämmen verteilen. Der Weg windet sich bergauf und bergab. Immer wieder liegen Barrieren vor uns. Abgeholzte Baumstämme, Flechten, Gestrüpp und was ein wilder Wald sonst noch zu bieten hat. Im Sommer muss das hier eine Art Wanderweg für Touristen sein. Häufig treffen wir auf grobe, grüne Markierungen an den Stämmen und Felsen. Das ist überhaupt der Grund warum wir durch den Wald reiten können. Ohne Pfad gäbe es in diesem Wirrwarr von Geäst, Hölzern und Dickicht kein Durchkommen. Wir passieren ein provisorisch in die Erde geschlagenes Kreuz. „Wer hier wohl gestorben ist?“, geht es mir durchs Gehirn. Schweiß tritt mir auf die Stirn als Sar ab und an zu rutschen beginnt. Würde er hier fallen wäre das nicht auszudenken. Das Gepäck schabt unaufhörlich an der groben Rinde der Stämme vorbei. Und wenn wir uns noch so viel Mühe geben unsere Ausrüstung dadurch zu schützen indem wir versuchen unsere Packpferde in einem Bogen um die Hindernisse zu führen. Es hilft nichts. Momentan besteht kaum die Chance nicht irgendwo dagegen zu stoßen oder entlang zu schaben. Manchmal wagt sich der Pfad direkt an den See. Nur das dieser etwa 50 Meter unter uns liegt. Würde der Saumpfad nur ein wenig einbrechen oder das Pferd sich einen kleinen Fehltritt erlauben, würde es mit samt dem Reiter in die Tiefe stürzen und auf den Felsen unten zerschellen. Ich bete insgeheim für unsere Sicherheit. Auch wenn wir auf diesem Trip schon viele riskante Kilometer hinter und gebracht haben ist dieser grobe, abschüssige Waldboden aus meiner Sicht die bisher gefährlichste Passage. Es ist vor allem nicht absehbar für wie viele Kilometer wir noch diesem Taigaweg folgen müssen. Eine Stunde vielleicht? Einen Tag? Oder sogar die gesamten 100 Kilometer bis wir den Khuvsgul wieder in Richtung Osten verlassen?

„Was machst du dir da eigentlich für schlimme Gedanken?“, frage ich mich aber ehrlich gesagt bin ich nervös. Viel zu nervös hier könnte etwas schief gehen. Mitten in der Wildnis eine fatale Situation. Aber so ist es nun mal während einer Expedition. Es gibt kein Netz und doppelten Boden. Das Einzige was uns Sicherheit geben kann ist Zuversicht und Selbstvertrauen. Mir Mühe gebend meine negativen Gedanken und die aufkommende Angst zu vertreiben, versuche ich mich an der Schönheit und Eigenwilligkeit des uns umgebenden Waldes zu laben.

„Was für ein fantastischer Ritt“, ruft Tanja hinter mir. „Ja wirklich fantastisch“, antworte ich und frage mich manchmal woher sie diese Gelassenheit nimmt. Nun, es ist nicht so immer nervös zu sein oder Furcht zu verspüren. Solche Gefühle kenne ich kaum. Nur in wenigen Momenten, wie zum Beispiel in diesem, kann es geschehen. Es ist unkontrollierbar. Kommt erscheint aus dem Nichts. Meist jedoch kenne ich keine Angst. Und wenn sie hochkommt dann auch zu unterschiedlichen Zeiten. Das heißt, wenn Tanja ängstlich wird, kann ich sie mit vernünftigen Argumenten beruhigen und anders herum ist es genauso. Wir ergänzen uns da prima.

Nachmittags erreichen wir endlich eine Lichtung. Der dunkle Wald gibt uns frei und die Sonne spendet ein wenig Wärme. Wir essen eine Dose Fisch, die wir teilen und auf Weißbrot streichen, welches wir im Khatgal gekauft haben. Wir genießen Kekse und eine Tafel Schokolade zu ein paar Bechern heißen Tee aus der Thermoskanne. Dann geht es mit neuer Energie weiter durch den Bergwald.

Am frühen Abend entlässt uns die Taiga aus ihrer Umklammerung. Plötzlich befinden wir uns auf einer Staubpiste. Ein einsames Motorrad knattert uns entgegen. Links und rechts der Piste sind Jurtencamps errichtet. Wir sind über die starke touristische Infrastruktur am Ende der Welt überrascht. So wie es aussieht kommen hier im Sommer hunderte von Urlaubern aus aller Welt unter.

Obwohl wir seit knapp fünf Stunden unterwegs sind konnten wir wegen dem unwegsamen Gelände nur 10 Kilometer zurückgelegen. Viel zu wenig um nur annähernd im Zeitplan zu bleiben. Weil uns der Winter dicht auf den Fersen ist müssen wir größere Strecken bewältigen. „Tschu!“ Tschu! Tschuuu!“, treiben wir unsere Pferde zum Traben an um heute wenigsten noch ein paar Kilometer gut zu machen. Bor, der sich von Beginn der Reise an ziehen lässt, treibt mich fast zum Wahnsinn. Er möchte einfach nicht laufen. Mein rechter Arm wird länger und länger. Tanja reitet hinter mir und treibt ihn an. „Tschu! Tschu! Tschuuu!“, ruft sie und schwingt das Ende eines Seiles durch die Luft, um Bor zu zeigen wie ernst es ihr ist. „Jetzt weiß ich woher das Wort Zugpferd kommt!“, ruft sie lachend welches ich im Augenblick nicht erwidern kann. In der Zwischenzeit folgen uns neben der Hündin noch weitere drei oder vier Hunde. Ihre Besitzer sind wahrscheinlich in wärmere Gefilde gezogen. Anscheinend sehen sie in uns eine Chance den kommenden Winter zu überleben. Mensch ist gleichbedeutend mit Fressen und Wärme. Die Hunde, einer schöner als der andere, haben eine richtige Gang gebildet. Im Rudel jagen sie nun große Yaks und alles was so kreucht und fleucht. Gott sei Dank gibt es hier keine Schafe und Ziegen. „Wenn wir so weitermachen können wir einen Zoo aufmachen!“, ruft Tanja lachend.

Mit großer Anstrengung halten wir unsere Pferde auf Trabgschwindigkeit. Bald verzweifelt suchen wir einen geeigneten Platz für unser Abendcamp. Auch hier gibt es kaum eine saftige Weide für unsere Pferde. Erschwerend ist heute der starke, ungebremste Wind, der vom Ostufer über das Wasser beachtlich kalt bläst.

Abseits des Sees, auf einer am Wald gelegenen Böschung, werden wir fündig. Es gibt nur wenig niedriges Gras zu fressen. Aber besser als gar nichts. Die Herausforderung unsere Pferde trotz der Anstrengungen bei Kräften zu halten ist größer als ich dachte. Bilgee macht weiterhin einen traumhaft guten Job. Sobald die Zelte stehen treibt er sie zum Seeufer. Dort können sie ihren Durst stillen. Dann pflockt er sie um unsere Zelte gereiht an damit wir sie während der Wachschichten mit einem Blick aus dem Zelteingang sehen können. Tanja holt Wasser welches nur Minuten später in den Wasserbeuteln gefriert. Meist bekommen wir die Drehverschlüsse schon nach wenigen Minuten nicht mehr auf. Sie sind zu gefroren. Die Arbeiten werden also mehr anstatt weniger. Jeden Tag bringt dieser Trip neue Probleme die wir zusammen lösen müssen. Mogi pflocke ich zwischen Bilgees und unserem Zelt fest. So kann er über Nacht keinen Blödsinn anstellen und gleichzeitig auf die Ausrüstung achten, die wir nicht in die Zelte bekommen. Die Hündin und ihr neuer Clan befinden sich noch immer in Campnähe. Sie wagen es nicht zu betteln, liegen aber ca.30 Meter von den Zelten entfernt und starren unentwegt zu uns hinüber. Ich habe ernsthaftes Mitleid mit ihnen. Vor allem mit der schwarzen Hündin und würde ihr gerne etwas zu Fressen geben. Aber Mogi alleine bereitet uns wegen seinem Jagdinstinkt genug Schwierigkeiten. Ein zweiter Hund macht die Situation nicht leichter.

Nur wenig später bekommen wir eine Kostprobe der Hundemeute um unser Camp. Sie bellen sich gegenseitig regelrecht in Rage. Da Mogi direkt vor unserem Zelt liegt ist sein Bellen am lautesten. „Mogi ruhe!“, brülle ich genervt. Aber er reagiert nicht. Nimmt mich einfach nicht für voll. „Na dir zeig ich’s“, sage ich ärgerlich, öffne den Reißverschluss des Zeltes und schleudere mein Sitzkissen in seine Richtung. Augenblicklich verstummt er. Die anderen aber kläffen kräftig weiter in den mondlosen Nachthimmel.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen:
MAGE SOLAR
Gesat GmbH

Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.