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Aufbruch zur kältesten Region der Mongolei

Mongolei/Endlich wieder unterwegs Camp — 21.10.2011

Am Morgen erwacht Bilgee mit reuigem Lächeln. „Oglooniimend“, („Guten Morgen“) begrüßen wir ihn. „Oglooniimend. Saihan amarsan uu?“, („Habt ihr gut geschlafen?“) fragt er uns heiter. „Saihan amarlaa?“ („Hast du gut geschlafen?“) erwidern wir. „Saihan amarlaa“, („Habe gut geschlafen“) antwortet er als wäre nie etwas vorgefallen. „Puhh, sieht so aus als wäre er tatsächlich wieder der Alte“, flüstere ich als Bilgee nach seinem 24 Stunden Komaschlaf kurz nach draußen geht, um sich Gesicht und Hände zu waschen. „Bist du fitt? Heute geht es endlich los“, frage ich als er wieder die Jurte betritt. „Auf nach Tsagaan Nuur“, antwortet er voller Tatendrang. Mit großer Erleichterung sehen Tanja und ich uns in die Augen. „Auf nach Tsagaan Nuur!“, rufen wir voller Elan und Vorfreude auf einen Expeditionsabschnitt den wir sicherlich nie mehr in unserem Leben vergessen werden.

Um die Jurte weht ein kalter Wind der feinen Staub durch das Rauchloch in unsere Behausung bläst. Der bisher so strahlenfreudige Stern hat sich hinter einer grauen Wolkenwand versteckt. Uns ist klar, es hat einen äußerst unangenehmen Temperaturrutsch gegeben. „Ob sich das Wetter noch mal erholt?“, fragt Tanja in die dichte Wolkenmasse blickend die sich über das weite Tal und Mörön gewölbt hat. „Wer weiß? Irgendwann musste die Temperatur ja fallen“, antworte ich. Bilgee, Tanja und ich arbeiten wie die emsigen Bienen. Auch wenn so ein Jurtenabbau relativ schnell geht kostet es uns viel Energie unsere Bleibe der letzten drei Wochen jetzt doch tatsächlich aufzulösen. Wir schleppen die letzten Kisten in Saraas Schuppen und füllen ihn nun bis unters Dach. Insgesamt sind es 46 Kartons ca. 40 × 40 cm im Abmaß. Drei große Aluminiumboxen hieven wir in Saraas Blockhaus. Sie enthalten Laptop, Batterien, Ladegeräte, kleines und großes Solarpanel, jede Menge Kabel, ein paar Reiseführer, Ersatzfilm- und Fotokamera und jede ein Haufen anderes Zeugs was wertvoll ist. Dann werfen wir noch einmal einen prüfenden und kritischen Blick auf das was wir mitnehmen müssen. Insgesamt sind es vier große XXL-Seesäcke und vier sehr strapazierfähige Kuriertaschen. Dazu hat jeder von uns zwei Satteltaschen und eine Banane. Das ist eine bananenförmige, aus wasserabweisenden Material genähte Tasche, die hinter dem Sattel auf dem Pferderücken liegt. Dort werden wir Handschuhe, Mütze, warme Jacke und Überhose verstauen. Das ist alles. Erst gestern habe ich mich entschieden nun tatsächlich einen Laptop, eine 60 Amph Autobatterie und ein großes aber sehr leichtes und effektives Solarpanel mitzunehmen. Somit ist, so hoffe ich, unsere Energieversorgung der Stirnlampen, Kameras und Filmkamera sowie für den Laptop abgesichert. Wir werden sehen ob uns die Sonne genügend Energiestrahlen sendet.

Nachdem wir alles aus der Jurte geräumt haben rollen Bilgee und ich den Teppich und Linoleumboden zusammen und packen die zwei Rollen so dass sie in den Allradbus passen der uns den Hausstand nach Tsgaan Nuur nachfahren wird. Es dauert bis zum späten Nachmittag bis wir die Ausrüstung so verpackt haben das wir sie endlich auf die Pferderücken laden können. Obwohl wir uns enorm eingeschränkt haben sind die einzelnen Seesäcke und Kuriertaschen schwer geworden. Auch wenn man uns versicherte nicht länger als höchstens 10 Tage für die Strecke bis Tsagaan Nuur zu benötigen haben wir für drei Wochen pro Peson eine Packung gefriergetrocknete Nahrung dabei und somit eine Sicherheitsreserve. Brot, Kekse, Schokolade, Aufstriche, Dosenfisch usw. sind für 100 Km kalkuliert. Dann sollten wird den Ort Khatgal erreicht haben in dem wir unsere Vorräte neu aufstocken können.

Wie gewohnt spuckt sich Bilgee in die Hände und schreitet zur Tat. Es dauert weitere zwei Stunden bis alle Tiere gesattelt und beladen sind. Weil es bereits minus 4° hat schlüpfen wir in unsere Deels und zum ersten Mal auf dem Trip in unsere für die Arktis entwickelten übergroßen Winterstiefel. Ein wenig übertrieben, das gebe ich zu, aber wir haben in den Seesäcken keinen Platz dafür gefunden. Also ziehen wir die Sachen an und können sogleich testen wie warm es sich darin anfühlt. Dann ist es soweit. Um 17:00 Uhr stehen die Pferde aufbruchbereit im Hof. Wir umarmen Saraa für lange Zeit das letzte Mal. „Vielen Dank für Deine Hilfe. Ohne dich hätten wir es nicht bis hierher geschafft“, sage ich sie an mich drückend. „Macht euch keine Sorgen um eure Ausrüstung. Ich kümmere mich darum. Sie wird unversehrt in Tsagaan Nuur ankommen“, sagt sie. „Vielen Dank noch mal!“, rufen wir, öffnen das Tor und führen die Pferde auf die staubige Straße.

Damit sich die Pferde an ihre neue Ladung und Lasten gewöhnen, laufen wir die ersten paar hundert Meter. Mit unseren astronautengroßen Schuhen fällt das Gehen gar nicht leicht. „Gewöhnungsbedürftig“, sage ich zu Tanja gewannt die ihre Naraa und Mogi, der zu seinem großen Unwillen einen Maulkorb trägt, neben mir führt. „Dachte schon es geht nur mir so“, antwortet sie wegen des späten aber gelungenen Aufbruchs heiter lachend. Schlurfend ziehe ich Sar und die Packpferde Sharga und Bor hinter mir her. Bilgee folgt uns mit Tenger und Od. Od scheint ein Problemfall zu sein. Da er außer einem Reiter noch nie Lasten trug hat er sich nur mit Widerwillen beladen lassen. Wegen seinem bockigen Verhalten und weil er jeden Augenblick wie eine gezündete Rakete abgehen kann kümmert sich der erfahrene Bilgee um ihn. Laut Bilgees Aussage ist Naraa wirklich trächtig. Er meinte aber wir können sie getrost mit auf den Trip nehmen. Sich auf seine fachmännische Aussage verlassend haben wir ihm vertraut und Tanjas fantastisches Reitpferd nun mitgenommen.

Als wir nun mit unseren sechs Pferden durch die Gassen der Stadt der laufen sehen uns ihre Bewohner neugierig nach. An einer der breiten staubigen Kreuzungen sind wir uns einig ab hier aufzusteigen. Jedoch bin ich durch meinen schweren und dicken Deel, den fetten Schuhen und der großen Kamera, die ich wie eine indianische Mutter auf meinen Bauch geschnallt habe, derart ungelenkig, dass ich nicht die geringste Chance besitze mich in den Sattel zu hieven. Meine Versuche auf dem Rücken meines Pferdes zu landen sind geradezu grotesk. Bilgee eilt sofort herbei und reicht mir von der gegenüberliegenden Seite des Pferdes seine starke Hand. Mit gemeinsamem Kraftaufwand bringen wir den Deutschen in seiner mongolischen Ritterrüstung auf das Pferd. Ich glaube ein Ächzen zu vernehmen als ich in Sar’s Kreuz plumpse. „Na das kann ja heiter werden. Wie soll ich denn da wieder runter kommen? Und was mir noch viel schwieriger erscheint… Wie schaffe ich es in der Zukunft ohne Bilgees Hilfe in den Sattel?“, stöhne ich fast etwas entmutigt. „Du wirst dich schon an das Gewicht gewöhnen“, meint Tanja schmunzelnd. “Kann ich mir nicht vorstellen. Am meisten stört die Kamera auf meinen Bauch. Die muss auf den Rücken. Nur wie fotografiere ich dann? Man, man, man. Immer eine neue Herausforderung“, jammere ich meinen Sar antreibend.

Bilgee reitet nun voraus. Mit seinem Gewehr auf dem Rücken in seinen Sommerdeel gekleidet, das schwer beladene Packpferd führend, sieht er beeindruckend aus. Irgendwie wirkt er auf mich als wäre er einer von Dschingis Khans Kriegern. Irgendwie habe ich das Gefühl als schreiten wir gerade durch ein Zeitfenster in eine längst vergangene und vergessene Welt. Im düsteren Licht des sich neigenden Tages spüre ich die Blicke von Kindern und ihren Eltern. Hunde bellen und weichen vor den Hufen der Pferde zurück. Tanja, in ihrem dicken Winterdeel gekleidet, einen Schal vor dem Gesicht, eine Wollmütze auf, ist von einer Mongolin nicht zu unterscheiden. Auch mein Deel und Mütze tarnt den Europäer, lässt ihn aussehen wie einen schwer gerüsteten Krieger auf dem unbeirrbaren Weg in eine Region die zu dieser Jahreszeit nur wenige Mongolen freiwillig aufsuchen. Ein kalter Windhauch wirbelt den Staub der Piste hoch, immer höher bis er vom Grau der sich senkenden Wolken verschluckt wird. In unsere Kleidung gehüllt kann er nicht an uns ran. Sind wir für ihn nicht angreifbar. Im Gegenteil, meine Rüstung, bestehend aus dicken Schafsfell und Wolle verleiht mir den trügerischen Glauben Dreck, Wind und vor allem keine Kälte der Welt könne uns etwas anhaben. Ohhh wie sollte ich mich täuschen!

Langsam aber stetig führt uns der Pfad nach oben, werden die Lichter der fünftgrößten Stadt der Mongolei immer kleiner. Ab und an wende ich mich wegen dem erwähnten schweren Deel lethargisch im Sattel und blicke auf das einstige Handelszentrum zwischen der Mongolei und Russland. Ich bin froh diesem staubigen Nest dem Rückenkehren zu dürfen. Es hat uns zwar gut aufgenommen und behandelt aber ich bin glücklich unsere interessante und spannende Reise fortsetzen zu dürfen. Alleine die Vorstellung, ich müsste mein gesamtes Leben hier verbringen, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Welch eine Freiheit Tanja und ich doch besitzen. Wir dürfen Orte aufsuchen in ihnen Leben und wenn wir genug gesehen haben weiterziehen, weiter in Regionen die für uns völlig unbekannt sind. Regionen und Orte deren Namen schon spannend und verheißungsvoll klingen. „Tsagaan Nuur wir kommen“, flüstere ich und spüre die prickelnde Energie in meinem Körper aufsteigen.

„Ob Bilgee friert?“, frage ich mich da er unserer Ansicht nach für diese Expedition nicht richtig ausgestattet ist. „Ob er weiß was er tut?“ Wir haben ihm zwar ein Zelt, eine Isomatte, fünf Pferdedecken, eine 2 × 2 Meter große Filzdecke von uns gegeben aber ob das reicht um die angeblich bald hereinbrechend Kälte ohne Schaden zu überstehen? Nun, wir werden sehen. Mittlerweile hat der kalte Wind zugenommen. Das restliche Licht des Tages wird von den immer länger werdenden Schatten, der immer höher werdenden Berge absorbiert. Der Untergrund ist mit gelbbraunen Grasresten und unzähligen Steinen überzogen. Rinder versuchen auf dem totgeweidetem Land etwas Fressbares zu finden. „Sieht nicht gut aus“, sage ich zu Bilgee auf die abgenagten Hügel um uns herum deutend. „Ügüj“, („Nein“). „Was hältst du von dem Berghang da vorne?“, fragt er mich. „Wird schwierig dort unsere Zelte aufzustellen. Aber lass und hin reiten“, antworte ich. Die Hufe unserer Tiere stolpern über das Steinmeer. Ein Zelt aufzubauen ist am besagten Platz unmöglich. Außer, man hat das Verlangen ein Fakir zu sein und liebt es auf spitzen Steinen zu schlafen. Es ist dunkel als Bilgee in eine Schlucht reitet, um nach einem Platz für die Nacht zu suchen. „Da unten sind wir vor dem Salhi („Wind“) geschützt“, meint er. Bachgui Us „Kein Wasser“, gebe ich zu bedenken woraufhin wir der Schlucht wieder den Rücken kehren. Obwohl wir erst vor zwei Stunden Mörön verlassen haben befinden wir uns mitten drin, in einem Abenteuer ohne Netz und jeglicher Absicherung. „Da sollten wir bleiben“, schlage ich vor als wir ein Stück vertrocknete Wiese erreichen. Bei minus 8° errichten wir mit steifen Fingern unsere Zelte. Nachdem Bilgee je zwei Pferde mit einem spitzen Eisenpflock fest gemacht hat versucht er auf dem chinesischen Gaskocher mit Tanja ein wenig Wasser für unsere gefriergetrocknete Nahrung zu erhitzen. Ich indes klicke Mogi mit einem Karabiner an einen ebenfalls in die Erde geschlagenen Pflock und nehme ihm den Maulkorb ab. Wie ein Bock in die Höhe springend dankt er mir und würde am liebsten losrasen um die Gegend unsicher zu machen. Flugs lege ich eine Pferdedecke in das Zelt, schaffe unsere Isomatten hinein, blase sie auf, breite meinen Deel mit der Fellseite nach oben darauf, schleppe die Autobatterie rein, um sie neben meine Isomatte zu stellen. Sodann hole ich den Laptop und wickle ihn wegen der Kälte in den ebenfalls ausgerollten Schlafsack. Später werde ich versuchen ihn mit meiner Körperwärme wieder auf Betriebstemperaturen zu bringen. Auf diese Weise kann ich nach dem Essen meine Aufzeichnungen in das Gerät eingeben. Auf dem Weg von Erdenet nach Mörön hat das ja bereits vielfach funktioniert.

Nachdem unser Stoffhaus für die kommende Nacht vorbereitet ist geselle ich mich zu Tanja und Bilgee. Sie sitzen vor der kleinen Apside seines Zeltes und sind somit vor dem ekelhaft kalten Wind geschützt. „Ganz schön kalt“, meint Tanja. „Frierst du in deinem Deel?“ „Nein aber die Finger und mein Gesicht“, antwortet sie. Da Tanja schon immer vor großer Kälte einen geradezu immensen Respekt hat und das auch der Grund war warum sie sich lange gegen eine Überwinterung in extremen Gefilden gewehrt hatte, frage ich mich wie sie in den kommenden Monaten damit zu Recht kommen wird. „Wir sind sehr gut ausgerüstet. Ich denke die Kälte ist bezwingbar“, sage ich. „Ja, glaube ich auch“, antwortet sie. Heißhungrig löffeln wir unser Essen aus der Tüte und sehen in nicht all zu weiter Ferne die Lichter von Mörön zu uns heraufschimmern. „Weit sind wir nicht gekommen“, stellt Tanja fest. „Nun, zumindest sind wir aufgebrochen. Das ist schon ein großer Schritt. Ich denke wir können sehr zufrieden sein.“ „Das stimmt“, gibt mir Tanja Recht und fragt: „Wir haben nicht genug Gaskartuschen für den Kocher dabei, oder?“ „Nein. Es wird reichen für zwei bis drei Mahlzeiten. Dann brauchen wir Feuerholz“, antworte ich nachdenklich. „Hoffe wir finden morgen einen Campplatz mit Feuerholz.“ „Wir sind hier am Rande der Taiga. Holz werden wir in den kommenden Tagen genug vorfinden“, verstehen wir Bilgee. „Und wie sieht es mit Wasser aus? Ich meine, wenn es noch kälter wird werden doch die Bäche und Flüsse zufrieren?“, folgert Tanja. „Dann brechen wir Eis heraus und tauen es in unseren Töpfen auf“, antwortet Bilgee auf jede Situation eine Antwort wissend.

Von dem schnellen Mahl einigermaßen gesättigt flüchten wir vor der unangenehmen Dunkelheit in unsere Zelte. Vorher aber sprechen wir die Wachschichten durch mit denen wir ab heute wieder beginnen. In meinem Schlafsack klemme ich mir den eisigen Laptop zwischen die Füße und warte darauf bis er sich erwärmt. Er ist jedoch derart kalt, dass ich im Begriff bin meine Körpertemperatur zu verlieren ohne das technische Mistding aufzuwärmen. Es dauert 45 Minuten bis ich glaube ihn einschalten zu können. Dann nutze ich meine heutige, bis 24:00 Uhr dauernde Nachtschicht, um die Erlebnisse des Tages in die Tasten zu hauen.

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Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.