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Bilgees üble Laune und plötzlicher Tod des Taxifahrers

Mongolei/Mörön Camp — 19.10.2011

Am Morgen backen wir wieder Pfannkuchen. Da ich nicht weiß wie lange wir noch die Chance besitzen meine Leibspeise zuzubereiten esse ich gleich sechs davon. Bilgee ist noch immer auf der Weide obwohl das Thermometer heute Nacht bereits auf minus 5 Grad gesunken ist. „Hoffe er hat sich nichts erfroren“, sagt Tanja. „Er wird schon wissen was er macht und wie er eine Nacht dort draußen ohne Schlafsack und Zelt überlebt“, antworte ich. Der Zeiger rückt gerade auf 10:00 Uhr als Bilgee mit den Pferden vor dem Tor steht. Mogi bellt wie immer aufgeregt und hat unseren Mann angekündigt. Kurz darauf erscheinen der Gefängnisdirektor Major Batjargal und sein Finanzchef. Sie möchten sich einen persönlichen Eindruck verschaffen in welchem gesundheitlichen Zustand unsere Pferde sind. Beide sind zufrieden und sind sich sicher die Tiere gut über den Winter zu bekommen. Wir vereinbaren uns am Nachtmittag wieder zu treffen. Diesmal im Gefängnisgebäude von Mörön. Dort werden wir unsere versprochene Anzahlung von 500.000 Tugrik überreichen und den Vertrag unterzeichnen um unsere Absprache auf ein rechtliches Fundament zu setzen.

Als die Offiziere wieder gegangen sind frage ich Bilgee noch mal was ihn dazu veranlasst hat die Pferde nun doch nicht zurück zu reiten. „Ihr habt einen Vertrag mit dem Militär. Sie haben nun die Verantwortung für die Überwinterung und müssen sich auch darum kümmern wie die Pferde nach Mörön zurückkommen“, hören wir die gleiche seltsame Antwort wie gestern. Da uns Bilgee bisher als außergewöhnlich intelligent erschien können wir mit der sinnlosen, ja fast kindlichen Aussage nicht das Geringste anfangen. Noch mal weise ich ihn daraufhin doch keine 5,7 Millionen Tugrik bezahlen zu können. „Ich habe dir doch gesagt den Preis auf die Hälfte reduzieren zu können“, vernehmen wir jetzt verblüfft. „Was? Das höre ich zum ersten Mal“, hauche ich und als mir die Erkenntnis seiner Aussage durchs Gehirn sickert bin ich noch mehr enttäuscht als vorher. „Du kannst die Pferde für die Hälfte durch den Winter bringen?“, frage ich nach, um sicher zu gehen ihn richtig verstanden zu haben. „Ja.“ „Und wie soll das gehen?“ „Ich werde drei von ihnen zu meinen Verwandten aufs Land bringen und drei neben dem Haus in Erdenet halten“, erklärt er. „Auch 2,5 Millionen sind noch viel zu viel. Außerdem haben wir dem Militär unser Wort gegeben. Wenn ich ein Wort gebe halte ich das auch. Für mich ist ein Wort oder Versprechen wie ein Vertrag. Tanja und ich freuen uns sogar das die Gefangenen jetzt im Winter nicht mehr frieren werden“, antworte ich. Durch den plötzlichen drastischen Preisnachlass ist uns klar geworden, dass an der Sache etwas faul war. Bilgee hat sich dadurch vollends verraten. Das Futter kann ja nicht plötzlich so enorm billig geworden sein. Selbst wenn er drei Pferde irgendwohin abgibt wäre das nicht in unserem Sinne. Entbehrt auch jegliche Logik. Warum dann nicht alle abgeben? Und abgesehen davon wird kein Nomade kostenfrei drei Pferde für sieben Monate hüten. Durch den Preisnachlass glauben wir kaum noch an eine ehrliche Aktion von Bilgees Seite und sind uns ab diesem Moment mehr denn je klar darüber mit ihm nicht mehr weitermachen zu wollen. Jedoch…? Es besteht noch immer ein Fünkchen Hoffnung für seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Wir können nur die Fakten zusammenziehen welche uns zeigen dass hier versucht wurde uns furchtbar über den Tisch zu ziehen. Aber Beweise haben wir keine. Auch könnte dieses ganze Dilemma durch einen Übersetzungsfehler von Saraa ausgelöst worden sein. Wissen wir’s? Nein. Also im Zweifelsfall stehen wir zu ihm. Gesetzten Falls er will überhaupt noch mit uns nach Tsagaan Nuur reiten. „Puhh kostet das Nerven“, stöhne ich und denke dabei an die Konversation mit Mutter Erde. Durch sein Verhalten wird das Gefängnis von Mörön neue Fenster bekommen. Der positive Effekt seiner Handlung steht im keinen Verhältnis zu seiner für uns negativen Reaktion. Also können wir Bilgee in der Tat dankbar sein die Pferde nicht zurück reiten zu wollen. Wie war das noch mal? „Jedes Erlebnis gehört grundsätzlich zu unserem Lebensweg. Es ist auch nicht enttäuschend. Nur wenn ich es so will, wenn ich eine Situation bewerte und zu einer Enttäuschung mache.“ Das ist einfach genial. Diese Wahrheit ist simpel und faszinierend zugleich. Wenn ich jetzt die Größe hätte könnte ich zu Bilgee gehen und mich bei ihm aus offenem Herzen bedanken. Nur würde er das verstehen? Ich glaube nicht. Dafür reichen die Übersetzungsfähigkeiten von Saraa nicht aus. Tanja und ich sind uns auf Grund dessen einig Bilgee bei uns zu behalten und ihm eine weitere Chance zu geben. Auch wenn Gonchig dagegen ist und möchte das wir ab sofort mit Tulgaa weitermachen.

Während Tanja die letzten Einkäufe tätigt baue ich mit Bilgee den Pferdewagen zusammen. Wir schrauben die Reifen ab und bringen diese auf Saraas Terrasse. Zum Schutz ziehen wir eine Plastikplane über den kleinen Planwagen und stellen ihn auf Holzpflöcken. Gegen Mittag reitet Bilgee wieder los, um die Pferde in die vor gelagerten Berge um Mörön zu bringen. Bilgee verabschiedet sich eher mit einem Knurren als mit dem ansonsten fröhlich gerufenen: „Daraa bajartaj“ („Auf baldiges Wiedersehen“)

Plötzlicher Tod des Taxifahrers

Am Nachmittag kommt Saraa wieder in die Jurte und bringt eine traurige Nachricht. „Ringhineazar ist gestorben“, sagt sie. „Was? Wer?“, wollen wir wissen. Na ihr wisst schon. Ringhineazar war der tätowierte Fahrer, der uns gestern zum Gefängniscamp brachte. „Was? Er war doch noch richtig fröhlich und fidel“, sage ich erschrocken. „Das war er wirklich. Wir können es nicht verstehen. Ringhineazar ist… äh war ein sehr guter Mensch. „Als er uns gestern hier abgeliefert hat fuhr er noch ein paar Kunden in der Stadt herum. Auf dem Nachhauseweg bekam er am Steuer eine Herzinfarkt und ist sofort gestorben“, hören wir und können es kaum glauben. „Herzinfarkt? Am Steuer?“, wiederhole ich. „Ja“, antwortet Saraa. „Sind noch andere Menschen zu Schaden gekommen?“, frage ich da er offensichtlich während des Fahrens gestorben ist. „Ich glaube nicht. Ich werde jetzt seine Frau aufsuchen und ihr mein Beileid wünschen. Ich gebe ihr 10.000 Tugrik (5,71 €) für die Beerdigung. Sie wird es nicht leicht haben. Er hinterlässt zwei Söhne im Alter von 10 und 12 Jahren“, meint sie noch und verlässt wieder unsere Behausung. „Ist schon eigenartig. Da hat er uns gestern noch Einblick in sein Leben gewährt und von seiner Jugend gesprochen und nun gibt es ihn nicht mehr“, sinniert Tanja. „Wirklich eigenartig. Als hätte er im Gefängniscamp mit dem vergangenen Teil seines Lebens Frieden geschlossen“, überlege ich. „Ja, könnte so sein. Vielleicht war der Besuch dort für ihn wichtig. Sein Tod war anscheinend schnell. Ohne langes Leiden durch das so mancher Mensch durch muss“, fährt Tanja fort. „Wenn ich es mir so überlege ein schöner Tod“, meine ich und bin froh darüber das sich Ringhineazar erst nachdem er uns Zuhause abgesetzt hatte entschied die Erde zu verlassen. Was wäre geschehen hätte ihn der Herzinfarkt nur zwei Stunden früher ereilt? Vielleicht gerade in dem Augenblick als er mit uns allen einen der vielen Berge hinuntergeheizt ist?

Major Batjargal bekommt seine Fenster

Um 17:00 Uhr suchen wir wie vereinbart das Gefängnis auf. Wir werden freundlich empfangen und zum Büro des Direktors gebracht. Major Batjargal bietet uns an auf einfachen Holzstühlen Platz zu nehmen. Nach einer kurzen Unterhaltung unterzeichnen wir die Verträge und überreichen dem offensichtlich glücklichen Mann die versprochenen 500.000 Tugrik. „Ich bin sehr froh das Saraa sie zu uns gebracht hat. Wie sie wissen habe ich drei Jahre versucht einen Sponsor für diese kaputten Fenster zu finden und jetzt wird mein Traum war. Ich danke ihnen vom ganzen Herzen. Auch im Namen meiner Gefangenen. Es wird der erste Winter sein indem sie nicht mehr frieren müssen. Gleich morgen Früh werde ich die Fenster in Auftrag geben. Und ich kann ihnen versichern, in spätestens vier Wochen sind sie eingebaut. Sie werden es sehen wenn sie von ihrer Expeditionsreise zurückkommen“, sagt er. „Die Freude liegt auch auf unserer Seite. Man kann sagen es war eine göttliche Fügung die ihre Fenster finanzierte und nicht wir persönlich“, antworte ich an Mutter Erde denkend.

Bilgee kommt bereits um 20:00 Uhr mit den Pferden zurück. Das ist ungewöhnlich denn bisher war er noch nie so früh dran. Er ist recht wortkarg und mürrisch. Ich serviere ihm den extra für ihn gekochten Eintopf mit viel fetten Fleisch. Genauso wie er es am liebsten mag. Bilgee schlingt ihn unfreudig hinunter. Ohne ein Wort des üblichen und überschwänglichen Dankes legt er sich ohne weitere Worte zu verlieren auf sein Bett und schläft. Tanja und ich sehen uns verwundert an. „Es macht wirklich keine Freude mehr mit ihm“, flüstert sie. „Nein das macht es nicht. Irgendwie habe ich auch das Gefühl er wird nicht mehr weiter machen wollen. Nachdem er jetzt von seinem geplatzten Megageschäft weiß fehlt ihm vielleicht jegliche Motivation? Wer weiß? Unter diesen Umständen sollten wir wirklich darüber nachdenken ob wir nicht mit Tulgaa weitermachen“, sage ich ebenfalls leise. Dann krabbeln wir in unsere Schlafsäcke und versuchen zu schlafen. Die Stimmung in unserer Jurte ist allerdings derart schlecht, dass ich keine Ruhe finden kann. Innerlich aufgewühlt wälze ich mich hin und her. Tanja scheint es ebenfalls so zu gehen. „Kannst du auch nicht schlafen?“, frage ich im Flüsterton. „Nein“, wispert sie.

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Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.