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Komplexe und hoch diffizile Vorbereitung der Überwinterung in der Taiga

Mongolei/Mörön Camp — 03.10.2011 - 05.10.2011

Ulzii kommt wieder um sein Gehalt abzuholen. Wir haben das Geld Saraa gegeben. Sie soll es ihm aushändigen. Außerdem entschieden wir uns dafür ihm keinen Bonus zu zahlen. Der war ja für besonders gute Leistung gedacht. Wir spenden dafür zur großen Freude von Saraa 50.000 Tugrik (28,57 €)an das Waisenkinderprojekt der NGO. Saraa spricht mit Ulzii freundlich über Vertrauen, Verantwortung, Verlässlichkeit und sein Versprechen uns bis Tsagaan Nuur zu begleiten. Sie gibt ihm noch mal eine zweite Chance mit einem Touistenpaar aus Frankreich die einen Pferdetrip unternehmen wollen und einen Übersetzer benötigen. Er sieht seinen Fehler ein und entschuldigt sich mehrfach bei ihr.

Als ich gerade die Jurte verlasse treffe ich ihn auf dem Hof. „Wie geht es dir?“, fragt er. „Gut und dir?“ „Ist das dein Frühstück?“ „Nein, mein Mittagessen“, antworte ich weil es bereits 14:00 Uhr am Nachmittag ist. „Na dann eine schöne Reise“, wünscht er mir. „Ich wünsche dir auch eine schöne Zeit.“ Durch Saraas Gespräch und der kurzen Kommunikation ist der Groll verflogen.

Am Abend bringt Saraa einen Deel in unsere Jurte. Der schwere neue Mantel ist mit dickem Schafsfell gefüttert. „Heutzutage ist es nicht einfach so einen Deel zu bekommen. Die meisten Menschen kaufen sich einen der in China produziert wurde“, erklärt sie. „Deels aus China? Das ist ja ungefähr vergleichbar als würde Bayern Lederhosen aus Amerika importieren“, antwortet Tanja überrascht. „Die Jugend kauft sich immer häufiger moderne Kleidung aus China. Die Handwerkskunst solche Mäntel zu fertigen geht mehr und mehr verloren. Meine Mutter weiß noch wie man einen Deel näht. Solche Deels wie dieser, noch dazu neu, sind eine echte Rarität. Er wird dich gut durch den Winter bringen“, sagt Saraa zu mir. „Was soll er denn kosten?“, frage ich. „280.000 Tugrik.“ (160,- €) „Ein stolzer Preis“, finde ich. „Es sind mindestens sechs bis sieben Schafsfelle eingearbeitet. Dazu kommt noch der Stoff und die Arbeitszeit“, erklärt Saraa. Da Bilgee gestern unser Schafsfell des geschlachteten Schafes am Selenge River für 17,000 Tugrik (9,71 €) verkaufen konnte, relativiert sich der Preis tatsächlich. „Wir werden den Deel Bilgee zeigen. Mal sehen was er dazu sagt. Wir entscheiden uns in den kommenden Tagen ob wir ihn nehmen“, beschließe ich.

Im weiteren Verlauf des Gespräches erfahren wir von ihren Schmerzen im Rücken, Beinen und Knien. Der Arzt hat Saraa eine Menge Medikamente verschrieben obwohl sie gerade ihr Baby stillt. „Die Ärzte hier hätten mich fast umgebracht. Mein Baby war 4,8 Kilogramm schwer. Ich war einen Monat über der Zeit und man hat das Kind nicht mit einem Kaiserschnitt geholt. Deswegen haben sich während der Geburt, bei der ich dachte sie nicht zu überleben, einige Wirbel verschoben. Ein Doktor meint sie seien gebrochen und ich soll zur Untersuchung nach U. B. fahren“, vernehmen wir und sind geschockt. Tanja und ich sehen uns an und sind uns einig. Es ist ein Segen in Deutschland geboren worden zu sein.

„Wir sollten über den weiteren Verlauf eurer Reise sprechen“, wechselt sie das Thema. „Gute Idee“, antworte ich da wir uns in den letzten Tagen genau darüber viele Gedanken gemacht haben. Mittlerweile gibt es mehrere Varianten und Überlegungen. Eine davon ist von hier alles in Allradfahrzeuge zu laden und zum Winterlager der Tsaatans zu bringen. „Das geht leider nicht“, erschreckt uns Saraa. „Warum nicht?“ „Weil ihr über den Shishged müsst.“ „Über den Shishged?“, frage ich. „Das ist ein großer Fluss der von der Mongolei nach Russland fließt. Im Sommer und Herbst kommt man da mit einer Fähre drüber. Die hat ein Mann gebaut der damit sein Geld verdient. Sie wird an einem über dem Fluss gespannten Drahtseil mit den Händen gezogen. Der Fährmann ist zu dieser Jahreszeit nicht mehr da. Das wäre kein Problem weil die Fahrer ihre Autos mit dem Fährboot selber über den Fluss bringen können. Nur ist der Fluss im Spätherbst recht reißend. Es ist also gefährlich. Ihr müsst warten bis der Strom zugefroren ist. Keiner weiß wann das sein wird weil jeder Winter anders ist. Ich würde vorschlagen wir bringen eure Ausrüstung bis zum Dorf Tsagaan Nuur. Es ist ca. 30 Km vom Winterlager der Rentiernomade entfernt“. „Ist also kein leichtes Unterfangen“, überlege ich. „Nein ist es nicht. Bisher hat noch kein Europäer einen gesamten Winter bei den Tsaatans verbracht. Ihr seid die Ersten. Die Frage ist auch wie man dort eine Jurte aufstellen kann? Die Tsaatans haben ihren Lagerplatz im Wald. Da passen gerade mal Tipis rein aber keine Jurten. Die sind von der Grundfläche zu groß. Mein Freund Shagai ist Tsaatan. Er ist ein guter Pferdemann und spricht etwas Englisch. Er würde euch helfen. Er hat gesagt, dass er versuchen wird einen Platz für eine Jurte zu finden.“ „Das wäre ja prima. Es fragt sich nur noch wie wir die Ausrüstung vom Dorf Tsaagan Nuur zum Winterlager bringen?“ „Mein Cousin lebt in Tsaagan Nuur. Er ist 82 Jahre alt aber noch fitt. Er war einmal der Bürgermeister des Dorfes und kennt sich gut aus. Sein Sohn hat einen russischen Lastwagen. Mit dem könnte man alles zum Winterlager bringen. Vorraussetzung ist das der Fluss zugefroren ist. Nehmt das bitte nicht auf die leichte Schulter. Eine Bürgermeisterin des Dorfes ist vor ein paar Jahren ertrunken als sie mit ihrem Auto über den Shishged gefahren ist. Das Eis ist gebrochen und da das Wasser sehr tief ist hat die Strömung das Fahrzeug nach unten gerissen.“ „Ich denke es wäre eine gute Idee die Jurte erstmal in Tsaagan Nuur zu errichten, um dort darauf zu warten bis die Eisdecke dick genug ist. Wie lange kann das dauern?“, frage ich. „Vielleicht bis Ende Dezember. Es kommt auf wie gesagt auf den Winter an. Wenn es ein sehr kalter Winter wird ist er bald zugefroren. Bis jetzt ist es aber noch überraschend warm, viel zu warm für die Jahreszeit. Es kann also dauern.“ Tanja und ich sehen uns erneut an. Mit so einem Aufwand haben wir nicht gerechnet. Aber wir befinden uns in einem Land in dem die Unberechenbarkeit zum Alltag gehört. Wegen dem frühen Kälteeinbruch vor einigen Tagen hatten wir in Erwägung gezogen die Strecke von Mörön bis nach Tsagaan Nuur mit dem Jeep zu fahren. Da wir aber seit vielen Tagen wieder von angenehmen Temperaturen verwöhnt werden wollen wir es uns auf keinen Fall nehmen lassen mit den Pferden zu unserem diesjährigen Etappenziel zu reiten. Das ist auch im ursprünglichen Sinne meiner Planung. Nur ist die Frage ob unsere Pferde einen Winter in der Taiga überleben? „Das kann heikel sein. Ich rufe gleich mal Shagai an. Kann ich bitte euer Handy haben?“, fragt Saraa. „Klar“, antwortet Tanja. „Shagai? Ich bin es wieder. Meine Freunde fragen ob es möglich ist ihre sechs Pferde in der Taiga zu überwintern?“ „Oh, das ist sehr schwierig. Es gibt dieses Jahr wenig Futter bei uns. War ein trockener Sommer. Außerdem weiß ich nicht ob die Pferde von eurer Gegend die extreme Kälte vertragen. Sie könnten Heimweh bekommen und an Traurigkeit sterben oder einfach erfrieren. Dazu kommt noch das größte Problem. Wir haben in dieser Gegend sehr viele Wölfe. Die Pferde vor ihnen zu schützen dürfte fast unmöglich sein. Manche Hirten haben schon jetzt einige ihrer Tiere durch Wölfe verloren. Sie kommen sogar in das Dorf Tagaan Nuur um Beute zu schlagen. Wir müssten einen Holzzaun bauen und für die Pferde einen Unterstand. Machbar ist es eventuell schon. Ruf mich in ein paar Tagen noch mal an. Ich kläre bis dahin ob wir eine Chance besitzen die Tiere heile durch den Winter zu bekommen“, sagt er und legt auf. „Wow, das klingt ja nicht gut“, stöhne ich. „Und was machen wir jetzt?“, überlegt Tanja laut. „Keine Ahnung. Vielleicht sollten wir Bilgee fragen ob er den Winter mit uns dort oben bleiben möchte? Wenn die Pferde in der Taiga mit uns überwintern sollen ist das für uns zwei nicht zu schaffen. In diesem Fall müssten wir rund um die Uhr Nachtwache halten und sie vor den Wölfen schützen. Und so wie es klingt ist das nicht durchführbar“, grüble ich. „Vielleicht kann Bilgee die Pferde von Tsagaan Nuur wieder zurück reiten? Wir müssten ihn fragen ob er dazu bereit wäre“, fällt Tanja ein. „Hm, vielleicht. Ist eine weite Strecke. Aber einem Mann wie ihm zuzutrauen“, antworte ich. Saraa nickt bestätigend. „Wie viel Kilometer kann man in dieser Gebirgslandschaft am Tag schaffen?“, interessiert es mich. „40 bis 50 Km wenn alles glatt läuft. Als ich Touren mit Touristen geführt habe mussten wir manchmal solche Strecken bewerkstelligen“, meint Saraa. „Das würde bedeuten wir könnten Tsagaan Nuur in acht bis zehn Tagen erreichen?“ „Ja.“ „Das wär’s doch. Wir lassen unseren Pferdewagen bei dir stehen und reiten mit leichter Ausrüstung von hier nach Tsagaan Nuur. Die schwere Ausrüstung und Nahrung für etwa sieben Monate müsste ein russischer Allradbus bringen. Bilgee ruht sich dort oben ein paar Tage aus und kann in der gleichen Zeit wieder in Mörön sein. Wenn es keinen extremen Wintereinbruch gibt wäre das der Plan“, sage ich. „Kein schlechter Plan“, meint Saraa. „Wir müssen allerdings noch klären wohin Bilgee die Pferde über sechs Monate unterbringt, was und wie viel sie zu fressen benötigen und was der gesamte Spaß kostet?“ „Ja ihr solltet mit ihm diese Fragen absprechen so lange ihr noch hier seid.“ „Okay, das werden wir. Wir müssen uns gewaltige sputen alle noch offenen Fragen zu klären und die noch fehlende Ausrüstung und Nahrung für sieben Monate innerhalb der kommenden zehn Tage zu organisieren. Dann brauchen wir nur noch herausfinden ob unser gesamtes Hab und Gut in einen oder zwei Busse passen“, überlegt Tanja. „Alles eine Sache der Finanzen. Hoffe es geht in einen Bus“, entgegne ich. „Da gibt es aber noch eine weitere Herausforderung“, wirft Saraa ein. „Und die wäre?“, frage ich, nicht nur wegen dem bullernden Kanonenofen, sondern auch wegen der Überhitzung meiner Gedankenzentrale, schwitzend. „Wir benötigen einen zuverlässigen, ehrlichen Fahrer. Es kommt immer wieder vor das die Ware nicht da ankommt wo sie ankommen soll. Gründe dafür gibt es unzählige. Manchmal ist das Auto zusammengebrochen, manchmal in einem der vielen Flussüberquerungen stecken geblieben. Nicht selten geschieht es das die Fahrer selbst sich an dem Gut bereichern. Ich traue keinem mehr außer mir selbst. Meine Gutmüdigkeit wurde in den letzten Jahren zu oft missbraucht“, ist Saraas Antwort die uns die Stirn erneut runzeln lässt. „Wow, wow, welch ein Projekt. Hoffe wir haben die Kraft diesen Aufwand der Überwinterung zu organisieren“, blase ich stöhnend aus. „Das bekommen wir hin“, ist Tanja sich sicher. „Denke schon dass wir es schaffen. Wir müssen allerdings sehr fokussiert sein“, antworte ich mich auf den Teppich unserer Jurte ausstreckend.

Um 22:00 Uhr kommt Bilgee mit den Pferden wieder zurück. Wieder haben sie voll gefressene Bäuche. „Super Bilgee. Vielen Dank“, freuen wir uns ihm die Pferde abnehmend und in den Hof führend. „Schön warm“, sagt Bilgee lachend als er unser Zuhause betritt. Auf dem Kanonenofen brät ein Fisch in der Pfanne. „Frischer Fisch vom Tsagaan Nuur. Den habe ich heute von Saraas Nachbarin gekauft. Ihr Mann war dort oben Angeln und hat ihn erst heute mitgebracht“, erkläre ich Bilgee mit Zeichensprache und den paar Worten Mongolisch die ich gelernt habe. Als ich dann den in Butter gebratenen Fisch mit Kartoffeln und gerösteten Zwiebeln unseren Pferdemann, sieht er mich fragend an. „Ich weiß nicht wie ich ihn essen soll“, gibt er zu verstehen. „Ach so“, meint Tanja und zerlegt ihm den Fisch. Bilgee lacht. „Ich habe noch nie einen Dsagas (Fisch) vom Tsagaan Nuur gegessen. Viele Menschen sprechen nur darüber wie gut er ist. Für uns ist der See zu weit entfernt“, erklärt er. „Und hat es so geschmeckt wie die Leute erzählen?“, frage ich nach dem Essen gespannt da ich mir beim Zuberreiten des heutigen Mahls viel Mühe gegeben habe. „Ene ich sajhan amttaj bajlaa“, es hat sehr gut geschmeckt“, antwortet er sich zufrieden den Bauch reibend.

Dann zeigen wir ihm den Deel den uns Saraa vermittelt hat und fragen ihn ob er etwas taugt. „Das ist ein sehr schöner Deel“, lobt er die Qualität wohlwollend prüfend. „Zieh ihn mal an“, fordert er mich auf worauf ich in den etwa sieben, acht Kilogramm schweren Mantel schlüpfe. Bilgee zeigt mir wie man ihn richtig trägt. „Er ist vielleicht etwas zu kurz“, überlegt er weil meine Hände zur Hälfte aus den Ärmeln spitzen. Bei seinem Sommerdeel sind die Arme so lang, dass die Hände darin komplett verschwinden. „Ich habe gute Handschuhe. Das ist kein Problem“, gebe ich lachend zu verstehen. „Aber er sollte auch an den Knien etwas länger sein“, sagt er, weil die Mongolen den Deel mit einem farbigen Hüftschal so hochraffen, dass er sich vor der Brust regelrecht nach außen wölbt. „Diese Wölbung nutzen wir als Tasche für Essen, Fernglas und alles andere was wir so benötigen“, erklärt Bilgee. Da ich den Deel anders tragen werde als die Einheimischen und diese Hamstertasche nicht brauche, geht er mir bis zur Wade. „Für mich ist er so in Ordnung“, lache ich worauf er zufrieden nickt. Mit Hilfe von Saraa erklären wir unsere neue Strategie und fragen ihn ob er die Pferde von Tsagaan Nuur zurück reiten wird. „Kein Problem. Das mache ich gerne. Soll ich die Pferde nach Mörön oder Erdenet bringen?“ „Nach Erdenet ist es doppelt so weit. Wir müssten klären wohin die Pferde dann im Winter kommen? Was und wie viel sie zu fressen benötigen und was das kostet?“, antworte ich. „Ich würde sie zu Verwandten von mir bringen. Was die Verpflegung kostet weiß ich jetzt auch nicht“, antwortet er. „Wir könnten eure Tiere auch zum Gefängnis bringen in dem mein Mann arbeitet“, hat Saraa eine Idee. „Zum Gefängnis?“, fragen Tanja und ich gleichzeitig. „Ja mein Mann arbeitet dort als Aufseher. Die Gefangenen könnten im Winter auf die Pferde aufpassen“. „Hm, eine eigenwillige Idee aber es wäre Plan B.“ „Es ist immer gut einen zweite Option zu besitzen“, gibt mir Saraa Recht. „Wir müssten nur mit dem Gefängnisdirektor sprechen ob er damit einverstanden wäre“, schlussfolgert. „Ja und ob es dort genügend Fressen für die Tiere gibt?“ ergänze ich noch.

Wegen den vielen und langen Gesprächen blase ich heute erst um 1:00 Uhr nachts die Kerze aus. Noch eine Weile über die intensive Planung und die verschiedenen Möglichkeiten nachdenkend, liege ich da uns beobachte den Mond der durch die Öffnung im Jurtendach hereinspitzt. Dann übermannt mich aber die Müdigkeit und ich falle in einen tiefen Schlaf.

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