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Hunger

Mongolei/ Hunger Camp — 28.09.2011

Am heutigen Morgen ist es noch immer bewölkt. Eiskalter Wind bläst von den Bergen herunter und lässt uns frösteln. Wir entscheiden das Lager abzubrechen und weiterzuziehen. Kaum haben wir den ersten Kilometer hinter uns steigt der Weg langsam an. Gemächlich aber stetig nähern wir uns einer weiteren Passhöhe. An einer von Menschen gebauten Tränke holen wir Wasser Eimer für Eimer aus der Tiefe um unsere Pferde zu tränken. Wir sind überrascht wie wenig sie zu sich nehmen. „Offensichtlich zu kalt zum trinken“, scherze ich. In 1.730 Meter treffen wir wieder auf den Wohnsitz der Schutzgottheiten, den Ovoo. „Sollen wir für unsere Mittagsrast stoppen?“, fragt mich Bilgee. „Viel zu kalt hier oben. Lass uns unten im Tal einen Platz finden“, antworte ich. Vorsichtig führt Bilgee Bor über die ausgewaschenen Schotterweg nach unten. Es kostet dem Zugpferd viel Kraft den schweren Wagen zu bremsen. Es ist bereits 15:00 Uhr als ich einen geeigneten Ort für unsere Rast finde. Wir stellen den Wagen quer zum Wind. Schnell spanne ich die Plane davor hinter der wir vor dem kalten Blasen Schutz finden. „Haben wir nur Kekse?“, frage ich ausgehungert wie ein Wolf. „Ja leider“, antwortet Tanja. Etwas neidisch sehe ich unseren Männern zu die noch immer an ihrem ekelhaft aussehenden Schafkopf herumschmausen. Während mein Magen knurrt und sich weigert Süßkram in sich aufnehmen zu müssen beißt Bilgee in eines der dünnen Schafsbeine und reißt mit seinen Zähnen ein paar Sehnen und etwas Fett ab. „Noch so ein Tag und ich werde solch einen hässlichen Kopf und so ein Stelzenbeinchen auch lecker finden“, sage ich im recht ernsten Ton zu Tanja. Für Vegetarier und Halbvegetarier wie mich ist die Energiezufuhr bei den kälter werdenden Tagen zu knapp. Hunger ist eine schlimme Sache. Obwohl ich in den letzten 25 Jahren schon viele Expeditionen erlebt habe kann ich mich an solch einen Hunger wie hier nicht erinnern. Wir essen zwar regelmäßig aber der Energiegehalt einer Schüssel Müsli am Morgen hält nicht lange an. Vor allem nicht wenn man bei o° Grad und sehr kaltem Wind Pässe überreitet und stundenlang trabend im Sattel sitzt. Obwohl wir uns hier mitten in der Mongolei befinden muss ich an hungernde Menschen in Afrika oder anderen Orten auf unserem Planeten denken. Menschen die nicht mehr zu essen haben als eine kleine Schüssel Reis oder weniger am Tag. Was bin ich nur für ein Weichling wenn ich nach sechs Stunden nur Kekse bekomme und meine ich halte es vor Hunger kaum noch aus. Vor allem bin ich über mich selbst überrascht. Ich spüre wie in mir Ärger aufsteigt obwohl mich keiner geärgert hat. Nie möchte ich erleben Schiffbrüchiger zu sein und ohne Essen in einer kleinen Nussschale übers Meer zu treiben ohne zu wissen wann es wieder etwas zu Beißen gibt. Ich erinnere mich an einen Dokumentationsfilm in dem es vier Überlebenden so ergangen ist. Als sie es vor Hunger nicht mehr ausgehalten haben vereinbarten sie ein Los zu ziehen wer von ihnen sterben muss damit die anderen drei überleben können. Es traf einen jungen Mann der dann von den anderen umgebracht wurde. Ein furchtbares Schicksal. Seltsam was einem für Gedanken durch den Kopf gehen wenn der Magen knurrt, denke ich und versuche mich wieder auf der beeindruckenden Landschaft zu konzentrieren.

Nach unserem Mahl völlig unbefriedigt, frierend und sehr, sehr hungrig, schwinge ich mich wieder in den Sattel. Obwohl es nur ca. 0° Grad hat frisst sich die Kälte in unsere Glieder. Die Knie beginnen zu schmerzen und das Gesicht, vor allem die Nasenspitze, ist gefühllos. Schweigend sitzen wir in unseren Sätteln und traben dem Eiswind entgegen. Die schneeträchtigen Wolken haben die Sonne verschluckt und drohen damit ihren weißen Inhalt über uns rieseln zu lassen. Die Kälte, der Wind und die starken Schwankungen des Wetters nagen an solch einem Tag besonders an unserer Rüstung der Moral. Ulziis Gesichtsausdruck ist ernst. Ab und an beobachte ich ihn und wundere mich, dass er uns noch nicht verlassen hat. Seine Psyche scheint unter den Belastungen der Reise zu leiden. Obwohl er sich sichtlich Mühe gibt es nicht zu zeigen werde ich das Gefühl nicht los das er bei nächst bester Gelegenheit das Handtuch wirft. Nun, vielleicht täusche ich mich auch und Ulzii wird zu einem richtigen Explorer? Bis zu unserem nächsten Etappenziel der Stadt Mörön sind es nur noch ca. 30 Kilometer. Dort ist sein Zuhause. Vielleicht bringt ihm das Zusammentreffen mit seiner Familie neuen Elan der ausreicht um uns bis nach Tsagaan Nuur zu begleiten. Vielleicht aber ist es auch der Ort an dem er feststellt, dass er für das Leben in der Natur nicht geschaffen ist. Wir werden sehen.

Erst um 17:45 erreichen wir eine Senke die sich für ein Nachtlager eignet. In einem kleinen Bach können wir unsere Pferde tränken. Dann suchen wir Feuerholz. Obwohl wir auch hier auf einige verlassene Jurtenlager stoßen, die wir an den zurückgelassenen Müll erkennen, ist die heutige Holzsuche eine echte Herausforderung. Wir müssen weit gehen um etwas Brennmaterial zu finden. Bilgee bereitet dann eine kräftige Suppe mit Nudeln und Schaffleisch. Sehnsüchtig warte ich darauf meinen nun nicht mehr zu ertragenden Hunger stillen zu können als wieder ein Hirte heran geritten kommt und sich neben dem kleinen Feuer niederlässt. Ulzii und Bilgee unterhalten sich angeregt mit ihm. Sofort wird ihm Tee serviert. Als er aber einen großen Humpen von der fertigen Suppe bekommt traue ich meinen Augen kaum. Der Topf reicht gerade mal aus um drei Männer einigermaßen satt zu bekommen aber niemals vier. Tanja hat ebenfalls einen Nudeltopf mit Soja und Gemüsebrühe gekocht. Da ich heute aber gerne etwas Kräftiges essen wollte hätte ich gerne mehrere Essschüsseln von der Schafssuppe. Jedoch bleibt für jeden von uns Männern nur eine Tasse davon. „Unglaublich. Diese Gastfreundschaft kann einen ja regelrecht verhungern lassen“, meine ich zu Tanja flüsternd.

Der weiße Dzuud

Im Laufe des Abends klärt sich warum ein wildfremder Mensch von hungrigen Männern eine volle Mahlzeit abbekommt obwohl sie selber nicht genügend zu essen haben. „Der Mann war mein Freund. Wir sind zusammen aufgewachsen. Unsere Familien lebten im gleichen Tal bis uns im Jahre 2003 der weiße Dzuud (Periode mit hoher Schneelage) alle Tiere nahm. Sie sind alle verhungert weil sie wegen dem hohen Schnee nicht mehr an die Grasnarbe herankamen. Außerdem hatten wir Temperaturen von über -50°C. Es war eine furchtbare Zeit für viele Familien. Millionen von Tieren sind gestorben worauf viele ihre Existenz verloren haben. Meine Familie ist daraufhin nach Mörön gezogen. Wir haben das Nomadentum aufgegeben. Die Familie meines Freundes hingegen hat sich mit viel Arbeit wieder eine neue Herde aufgebaut. Als wir von hier wegzogen war ich 19 Jahre alt und heute habe ich aus reinem Zufall meinen Freund wieder getroffen“, erzählt Ulzii. Nachdem der Freund von Ulzii sich wieder auf sein Pferd geschwungen hat, um seiner kleinen Herde zu folgen, sitze ich nachdenklich an dem ausgehenden Feuer. Wieder habe ich voreilig geurteilt. Habe mich über die maßlose Gastfreundschaft geärgert weil ich selbst nicht genügend von der Schafssuppe abbekam und nun höre ich diese Geschichte. Etwas beschämt über meine Gier denke ich über das Naturphänomen Dzuud nach in dem auch unser Bilgee seine gesamte Herde verloren hat. Nachdem was ich gelesen habe wiederholen sich alle paar Jahre anhaltende Schneefälle in Verbindung mit extremer Kälte. Meist ist diesem Winter ein trockener Sommer vorangegangen. Diese Wetterkombination führt die Mongolen an den Rand einer Katastrophe. Millionen von Tieren verenden und die Nomaden verlieren dadurch ihren gesamten Besitzt. Nur internationale Hilfe kann in solchen Zeiten Schlimmeres verhindern. Verursacht werden diese Notlagen meist durch die Menschen selber. Und zwar dann wenn sich negativer Effekte der Ökonomie und der Ökologie überlagern. Das heißt, dass es auf Grund der Einkommensverbesserung zu viele Tiere für die vorhandenen Weideflächen gibt. Es findet eine massive Überweidung statt. Die Tiere gehen somit geschwächt in den Winter. Wenn es dann zuviel schneit und die Tiere das Gras nicht freischarren können verhungern sie. Beim schwarzen Dzuud gibt es hingegen keinen Schnee, jedoch extrem niedrige Temperaturen. Dadurch ist der Boden hart gefroren und die Tiere kommen nicht an Flüssigkeit heran worauf die Herden verdursten. Beim eisernen Dzuud hingegen ist die Oberfläche durch eine Eisschicht versiegelt. Auch dieses Naturphänomen ist für den Viehbestand der Tierhirten tödlich.

Als wir im Jahre 2009 mit unseren Rädern in der Mongolei ankamen hat bereits Mitte September ein früher Wintereinbruch einen weißen Dzuud angekündigt. Massiver Schneefall hatte über zwei Tage den Staat lahm gelegt und nahezu die gesamte Ernte eines Jahres vernichtet. Darauf folgte der kälteste Winter seit 1969. Über Wochen verharrte die Quecksilbersäule bei –40°C. An manchen Tagen wurden Spitzen von –57°C gemessen. Die Durchschnittstemperatur war 20°C kälter als in den vergangenen Jahrzehnten. 100.000 Menschen suchten Zuflucht in den wenigen Städten vor allem in Ulan Bator. Nach offiziellen Schätzungen sind in kurzer Zeit über 6 Millionen Tiere verendet. Vor der Katastrophe zählte das UNO-Entwicklungshilfsprogramm 47 Millionen Tiere obwohl die Weiden nur 25 bis 30 Millionen Tiere verkraften. Das Problem ist die freie Marktwirtschaft in der es heute gilt billige Fälle für die chinesische Industrie zu produzieren. Jeder Nomade versucht soviel Tiere wie nur möglich zu züchten. Da nutzen auch die bisherigen Naturkatastrophen nichts um in der Zukunft eine Überweidung zu verhindern. Der Mensch ist zum Großteil von seinem Ego gesteuert. Umso mehr Tiere desto größer das Ansehen. Umso mehr Tiere desto mehr Geld. Umso mehr Geld desto mehr Macht. Wenn die Nomaden es nicht fertig bringen regulierende Strukturen zu schaffen wird ihr Viehbestand vom nächsten Dzuud reguliert. Umso mehr Tiere sie haben desto härter ist der Schlag. Ein unausweichlicher Teufelskreislauf!

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen:
MAGE SOLAR
Gesat GmbH

Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.