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Schwierige Passüberquerung

Mongolei/Palaver Camp — 17.09.2011

„Was ich gestern Abend gesagt habe war kein Scherz“, meint Tanja am Morgen. „Wie? Was war kein Scherz?“ „Na ich halte es unter diesen Bedingungen für Blödsinn bis zum Chövsgöl See zu reiten. Wir haben doch keinen Flugzeugabsturz überlebt und müssen uns hier draußen auf Gedeih und Verderb durchschlagen. Es ist viel zu kalt. Wir sollten uns eine Alternative einfallen lassen. Vielleicht wäre es besser nur bis Mörön zu reiten. Dann hätten wir noch genügend Zeit um die Überwinterung bei den Zaatan vorzubereiten.“ „Vielleicht hast du Recht. Lass uns das zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden. Wer weiß wie sich das Wetter entwickelt. Sollte es so kalt bleiben oder noch kälter werden sind wir gezwungen umzuplanen. Wir werden sehen“, überlege ich.

Als wir das Zelt verlassen haben sehen wir unsere beiden Männer von einem nahen Hügel herabsteigen. „Wir haben von den Menschen die dort oben Heu für den Winter shneiden einen Kanister mit Wasser bekommen“, erklärt Ulzii lachend. Es ist schon verblüffend wie die Beiden immer wieder Situationen managen. Wir hatten zwar genügend Wasser fürs Frühstück aber bis zur nächsten Quelle oder Bach hätte es eventuell nicht ausgereicht. Abgesehen davon können wir mit unseren augenblicklichen Wasserreserven nicht viel anfangen. Jeder Tropfen davon ist hart gefroren.

Tanja und ich haben ein schnelles Frühstück geplant um den heutigen sonnigen und bald warmen Tag zu nutzen um Kilometer zu zurückzulegen. Doch wieder macht uns die mongolische Mentalität einen Strich durch die Rechnung. Bilgee legt Holz auf das Feuer, setzt seine große Pfanne darauf und bereitet erstmal Gamber. Wir lassen es geschehen. Es wird schon seinen Sinn haben. Während früheren Expeditionen hätte ich mich durchgesetzt und wegen dem rasant kommenden Winter den frühen Abmarsch befohlen. Doch auf dieser Reise möchte ich es anders angehen lassen. Tanja und ich sind uns sicher auch so unser Ziel zu erreichen. Trotzdem ist mir klar darauf achten zu müssen den Mittelweg zugehen. Eine Mischung aus der mongolischen- und deutschen Mentalität ist sicherlich angebracht. Abgesehen davon ist es bis zu einem gewissen Grad wichtig die Expeditionsleitung nicht völlig aus der Hand zu geben. Ein steuerloser Dampfer wird immer auf Grund laufen.

Während des Gamberbratens sprechen wir mit Bilgee über den weiteren Verlauf der Expedition und wo wir unsere Pferde im Winter unterbringen sollen. Laut Ulziis Übersetzung, die sich langsam verbessert, verstehen wir das Bilgee grundsätzlich bereit ist die Pferde von Mörön nach Erdenet zurück zu bringen. Er kann sie zu Verwandten von ihm bringen die Nomaden sind und eigene Herden besitzen. In diesem Fall bräuchten wir für unsere Tiere zwei Kilogramm Reis pro Tag. Das wären ca. 2.160 Kilogramm Reis für sechs Monate zuzüglich Heu, Transport und Pflegekosten. „Wie lange glaubst du brauchst du um die Pferde von Mörön nach Erdenet zu schaffen?“, möchte ich wissen. „10 Tage“, antwortet Bilgee. „Wir könnten dich aber auch gebrauchen um unser Winterlager bei den Zaatan aufzubauen“, überlege ich. „Auch dabei helfe ich euch gerne. Dafür benötigen wir aber Zeit. Es ist für euch eventuell wichtig dort zwei Pferde zu besitzen. Dann währt ihr im Fall der Fälle mobil. In diesem Fall müssten wir einen Unterstand für die Pferde bauen. Das heißt, wir werden ohne Pferdewagen in das Hochland der Rentiernomaden reiten. Das dauert ein paar Wochen und wird wegen dem Winter sehr hart“, sagt er. „Und wie kommst du dann wieder zurück? Und was ist mit den Pferden? In diesem Fall ist es zu kalt um die Pferde nach Erdenet zu reiten.“ „Das sollten wir in Mörön besprechen“, meint er nachdenklich.

Der heutige Aufbruch fällt wieder auf 13:00 Uhr. Kaum liegen die ersten 500 Meter hinter uns wird es für Bor zu steil. Er atmet heftig und bleibt stehen. Bilgee, eine wahre Ideenmaschine, befestigt an je einer Deichsel des Wagens ein Seil und gibt eines davon mir und eines zu Ulzii. Nun führt er Bor, während Ulzii und ich ebenfalls neben ihm reiten und den Wagen an den Seilen ziehen. Für Bor ist diese Methode eine große Entlastung. Gemeinsam und mit vereinten Kräften bringen wir das kleine Fuhrwerk zur Bergspitze. Oben werden wir, wie bald immer auf einem Berg, von einem Ovol (Opferstelle) empfangen. Ovols sind wie Indianerzelte aufgetürmte Holzstämme an denen meist blaue Stofffetzen und Fahnen hängen. Der Reisende, der hier vorbeikommt, hängt solch einen Stoff in das Gehölz und wünscht für sich und seine Begleiter eine sichere Reise. Wenn man wie wir keine solche Stoffstücke hat kann man auch einen Stein aus der nahen Umgebung nehmen und ihn auf den Ovol zu den anderen Steinen häufen. Danach muss man die Opferstelle dreimal umrunden. Dies soll nach dem Glauben der Mongolen eine sichere Reise garantieren. Natürlich umrunden auch wir nach dem alten Brauch dieses eigenwillige Gebilde dreimal. Dann geht unsere Reise weiter. Jedoch nur für wenige Meter. Das Gefälle auf dieser Seite des Passes ist extrem. Für Bor ist es nicht möglich den Wagen zu bremsen. Er würde ihn einfach in die Tiefe reißen. Unsere Ideenmaschine lässt mit einem neuen Einfall nicht lange auf sich warten. Er nimmt den langen Stoffgürtel seines Dels (mongolischer, traditioneller Sommer oder Winter Mantel) und wickelt ihn um die linke und rechte Radaufhängung des Pferdewagens. Dann sucht er im Wald ein etwa zehn Zentimeter dickes Baumstammstück und schiebt ihn über den Reifen durch eine Öse seines Stoffgürtels. „Wenn der Wagen zu schnell wird müsst ihr den Stamm jetzt nur nach unten auf den Reifen drücken. Damit haben wir eine Bremse“, erklärt er mit Gestik und Zeichensprache, die er perfekt spricht. Wir sind gerade im Begriff den Wagen ins Tal zu bringen als ein Mopedfahrer den Pfad nach oben knattert. Ohne Umschweif stellt er sein Gefährd auf den Ständer und hilft uns bei der Aufgabe die für mich vor wenigen Minuten noch unlösbar war.

Während Tanja das nicht ungefährliche Unterfangen filmt und fotografiert, führt Bilgee Bor den Pass nach unten. Ulzii und ich haben die Aufgabe des Bremsers. Der Mopedfahrer hängt sich mit seiner gesamten Kraft hinten an den Wagen um ihn ebenfalls zu bremsen. So kommen wir, unter großer Anstrengung, Meter für Meter nach unten. Durch die tiefen Spurrinnen schwankt der Wagen von links nach rechts. Einmal derart, dass ich glaube er könnte auf mich kippen. Würde ich meinen Platz als Bremser verlassen, brächte ich Ulzii und vor allem Bilgee, der vor dem Wagen Bor führt, in Gefahr. Ich springe also nicht zur Seite und bin erleichtert. Der Pferdewagen fängt sich vor dem Kipppunkt wieder und rattert und rutsch weiter über den unebenen Untergrund bis wir ihn in einem weiteren schönen Hochtal haben. „Der Ovol hat seinen Dienst getan“, sage ich später zu Tanja der ich von der heiklen Situation berichte.

Schnaufend legen wir uns erstmal ins Gras um uns auszuruhen. Dann laufen Ulzii, der Mopedfahrer und ich wieder den Berg nach oben. „Dort drüben, da wo der blaue Stoff im Baum hängt, hat es vor nicht langer Zeit ein paar Tote gegeben“, erklärt der freundliche Mongole. „Wie ist das geschehen?“, interessiert es mich. Das hier ist die Hauptverkehrsverbindung zwischen Mörön und Ulan Bator. Hier fahren jeden Tag und auch in der Nacht Kleinbusse die mit Menschen voll besetzt sind. In einen der tiefen Spurrinnen ist so ein Bus zur Seite gekippt und ein paar Meter den Anhang herunter gefallen“, erklärt er.

Tanja hat in der Zwischenzeit oben bei den Pferden auf uns gewartet. Weil ein weiterer Mopedfahrer den Berg hochkam hat Bilgee sie wieder nach oben geschickt damit sie auf die Ausrüstung aufpassen kann. „War gut zurück zu gehen. Als ich hier ankam hat der fremde Zweiradfahrer schon einen Blick auf die Pferde und Ausrüstung geworfen. War richtig spürbar“, erzählt Tanja. Na dann war es sinnvoll das Filmen abzubrechen“, meine ich. „Absolut“, antwortet Tanja überzeugt.

Kurz vor dem Dorf Rashaant kommen uns zwei Betrunken auf ihrem Moped entgegen. Erst fahren sie vorbei. Dann aber bemerken sie die Ausländer. Der Fahrer zieht einen schwankenden Bogen über die Steppe und erreicht uns wieder. Bilgee fragt die Beiden nach Wasser und gutem Gras für die Pferde. Ein ewiges Palaver ist die Antwort. Dann steigt der Beifahrer von dem knatternden Ding, schnappt sich die Zügel von Bilgees Pferd, schwingt sich in den Sattel und ruft: „Folgt mir. Ich zeige euch den Weg zu guten Weidegründen!“ Ulzii, der immer Bilgees Pferd führt wenn Bilgee den Pferdewagen zu Fuß zieht, lässt den Betrunkenen gewähren. Wir wenden nun unseren Wagen und reiten in die entgegengesetzte Richtung. Der betrunkene Mopedfahrer düst davon, die lauten Rufe seines Freundes nicht hörend. Kaum sind wir dem Fremden ein paar Meter hinterher geritten galoppiert er mit Tenger ebenfalls davon. Weil Tanja und ich uns wegen der unangenehmen Ausstrahlung des Betrunkenen etwas zurückfallen haben lassen können wir nur aus der Distanz sehen wie Ulzii die Verfolgung aufnimmt. „Kann doch nicht wahr sein. Da treiben wir einen erheblichen Aufwand um unsere Pferde jede Nacht vor Dieben zu schützen und dann klaut uns ein Betrunkener am helllichten Tag ein Pferd“, rufe ich. Tanja und ich galoppieren aufgeregt zu Bilgee und den Pferdewagen. Als wir Bilgee erreichen fragen wir außer Atem was los ist? Bilgee winkt entspannt ab. Anscheinend, zumindest verstehen wir Bilgee so, ist der Betrunkene nur schnell zu seiner Jurte geritten und Ulzii ist deswegen hinterher um Tenger zu holen. Also kein Pferdediebstahl. Es dauert auch nicht lange als Ulzii wieder bei uns ist und über den Vorfall kein einziges Wort verliert. Wenig später erreichen wir dann am Fuße eines Hügels tatsächlich einen traumhaft schönen Platz an dem es saftiges Gras gibt und sich ein kleines Bächen durch das weite Tal schlängelt. Schnell sind die Pferde abgesattelt, der Wagen entladen und die Zelte aufgebaut als die zwei Betrunkenen schon wieder mit ihrer Knattermaschine andüsen. Der Fahrer ist derart betrunken dass er beim Absteigen aus dem Sattel seines Zweirads fällt und kichernd am Boden liegt. Nur 10 Minuten später düsen die Zwei wieder lachend den Berg hoch. Die Maschine fährt dabei solche Schlangenlinien das sie viel Platz braucht um nicht auf der anderen Seite des Hügels einfach hinunter zu fallen. Wir haben gerade einen Topf mit Bachwasser auf der Feuerstelle als diesmal der betrunkene Beifahrer mit seinem Pferd angaloppiert. Er hoppelt sein Pferd und setzt sich zu uns an die Feuerstelle. Weil es der Brauch so verlangt bietet Tanja ihm eine Tasse Tee an die er gerne nimmt. Mittlerweile sind wir eine heitere Gruppe die sich um das wärmende Feuer versammelt hat. Ulzii hat über Handy seinen Freund angerufen der im nahen Ort Rashaant lebt und der einzige Polizist des Dorfes ist. Er hat es sich nicht nehmen lassen mit seinem Moped unser Lager aufzusuchen. Es dämmert als unser Gast, der angetrunkene Mopedfahrer der jetzt mit seinem Pferd hier ist, eine Flasche Wodka auspackt und mir einen halb gefüllten Becher anbietet. Ich nehme das Gefäß und trinke zur Abwechslung einen kräftigen Schluck. Nicht ohne vorher meinen Ringfinger in das Getränk tauchend und die edle Flüssigkeit in alle Himmelsrichtungen zu schnippen. Als die Mongolen bemerken, dass ich ihren Brauch, vor dem Trinken erstmal den Naturgeistern ein paar edle Tropfen zu opfern kenne, lachen sie heiter. Dann gebe ich den Becher wieder zurück. Sofort wird er erneut gefüllt und an Tanja weitergereicht. Auch sie taucht ihren Ringfinger in den Wodka und schnippt ihn in alle Himmelsrichtungen. Dann nimmt sie einen Schluck und gibt das Behältnis zurück. So macht das Gefäß die Runde bis die Flasche geleert ist. „Denis das hat mein Freund Baskaa für euch mitgebracht“, sagt Ulzii und schenkt jeden von uns eine Büchse Bier. Obwohl wir von dem anstrengenden Tag, vor allem wegen der Passüberquerung hundemüde sind, lehnen wir nicht ab und trinken auch noch das Bier. Tanja packt noch eine Dose Erdnüsse aus die sie auf das jetzt kalte und feuchte Gras stellt. Hier gilt der Spruch Feste müssen gefeiert werden wie sie fallen. In der Mongolei geschieht vieles einfach spontan. Ohne Plan. Es ereignet sich einfach und am besten man macht mit. Sich dagegen zu wehren bedeutet gegen den Fluss zu schwimmen und das ist auf Dauer viel zu anstrengend. Im Laufe des Abends erfahren wir dass Ulziis Freund Baskaar in der kommenden Woche nach Tsaagan Nuur versetzt wird. „Solltet ihr irgendwelche Probleme haben kann ich euch dort bestimmt helfen“, bietet der Polizist uns seine Hilfe an. Da wir in dieser abgelegenen Region dringend Kontakte benötigen kommt uns sein Angebot sehr gelegen. „Ist es für euch in Ordnung wenn ich heute Nacht bei Baskaar in Rashaant bleibe? Bilgee übernimmt meine Wachschicht und ich komme morgen Früh wieder?“, fragt Ulzii. Tanja und ich sehen uns an und sind einer Meinung. „Kein Problem. Wir wünschen dir einen schönen Abend“, antworte ich froh darüber ihm einen Gefallen tun zu können.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen:
MAGE SOLAR
Gesat GmbH

Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.