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Die Verlässlichkeit der ständigen Veränderung

Mongolei/Murmeltier Camp — 15.09.2011

Draußen hat es noch immer minus 4° Grad. Unsere beiden Männer sind schon recht geschäftig. Sie bauen den Unterstand ab den Bilgee und Ulzii als Windbarriere errichtet hatten und tragen die Bretterwände wieder zum verlassenen Jurtenlager zurück. Dann vertilgen wir unser Frühstück. Eine große Kamelherde zieht ein paar hundert Meter von unserem Camp entfernt vorbei. Einer der Hirten kommt uns besuchen. „Sajn bajna uu“, begrüßt er uns (Guten Tag) „Saa sajn bajna uu“, (Auch guten Tag) antworten wir. Der Nomade setzt sich im Schneidersitz an unser Feuer und berichtet mit seiner Herde auf dem Weg nach Ulan Bator zu sein. Wie es der Brauch und die Gastfreundschaft fordern bietet Bilgee ihm Tee und Reis von gestern an. Der Fremde nimmt dankend die heiße Tasse Tee entgegen und isst. Wir erfahren, dass er mit seinem Kameraden die eisigen Nächte im Freien verbringt. „Ohne Zelt?“, frage ich verblüfft. Als Antwort bekomme ich ein heiteres Lachen. Nach zehn Minuten springt der Mann kommentarlos auf, steigt auf sein Pferd und reitet seiner Kamelherde hinterher. Über seine Art zu gehen sind wir nicht mehr überrascht. Bei den Nomaden ist es nicht unbedingt üblich sich zu verabschieden. Im Regelfall reiten die Männer nach einiger Zeit einfach davon.

Nach dem ausgiebigen Mahl packen wir unser Lager zusammen. Ulzii hilft mir gut gelaunt und unaufgefordert beim Packen des Pferdewagens. Seit dem Gespräch mit Tanja hat er sich verändert und versprüht wie Bilgee gute Laune. Um 12:00 Uhr verlassen wir den Platz so wie wir ihn vorgefunden haben. Außer dem Steinkreis des Feuers zeugt nichts von der einstigen Anwesenheit von Menschen. Nichts verrät das Lager einer kleinen Reisegruppe die sich im Industriezeitalter noch wie zu Dschingis Khans Zeiten fortbewegt. Die Landschaft ist wie jeden Tag atemberaubend schön. Die Berge um uns herum sind von Schnee bedeckt. In den Tälern und auf unserem Weg hat sich der eisige Vorgriff des Winters vorerst wieder zurückgezogen.

Wir folgen dem grünen Ufer des salzhaltigen Sharga Nuur (Gelber See). Dunkle Schneewolken ziehen über unsere Köpfe und lassen ab und an Schneeflocken auf trocken aussehende Landschaft rieseln. Zum Schutz vor dem eisigen Wind ziehen wir unsere Winterhandschuhe an. Trotz langer Unterhosen und drei Paar Socken sind die Knie und Füße eiskalt. Wir brauchen dringend einen Del. Nicht umsonst sind fast alle Mongolen hier draußen in dem langen Wintermantel gekleidet.

Immer wieder bleibe ich zurück, steige aus dem Sattel, hoppel Sar und schieße ein paar Fotos von dem traumhaft gelegenen Sharga Nuur. Ein Motorradfahrer kommt mir entgegen und hält neben mir. Der Mann steigt von seinem Bock. „Sajn bajna uu“, (Guten Tag) grüßt er. „Saa sajn bajna uu“, (Auch guten Tag), antworte ich freundlich. Ohne weitere Worte zu verlieren tritt der Mann an mein Pferd, nimmt mir die Zügel aus der Hand und zieht meine Sattelriemen fester. Dann lacht er herzhaft, sagt irgendetwas was ich nicht verstehe, steigt auf sein Motorrad und fährt mit einem freudigen Gesichtsausdruck davon. In so manchen Reiseführern haben wir über die außerordentliche Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit dieses Volkes gelesen. In Erdenet hat man uns hingegen oft über den Tisch gezogen. Anscheinend hat das Eine mit dem Anderen nichts zu tun. In der Tat treffen wir hier draußen immer öfter auf sehr nette und vor allem hilfsbereite Menschen. Die Mongolei kommt mir wie ein Jojospiel vor. Ständig und unerwartet erleben wir Geschehnisse mit denen wir nicht gerechnet haben. Kein Tag ist wie der andere. Auf nichts kann man sich verlassen außer auf die unaufhörliche Veränderung. Wenn man sich an dieses Wunder gewöhnt hat wird dieses Land zu einem treuen Freund, zu einer unvergesslichen Erinnerung. Es zwingt uns tief in die Erde einzusteigen. Nichts läuft hier an der Oberfläche ab. Das Land ist ein besonderes Land, anders als alle Länder die wir bisher bereist haben. Mit jedem Tag mehr werden wir gelassener. Werden wir eins mit einem Mysterium welches uns seine Verborgenheit mehr und mehr zeigt.

Um 17:00 Uhr finden wir wie bald jeden Tag an einem kleinen Bach ein geeignetes Camp für die Nacht. Kaum ist Sharga ausgespannt und unsere Pferde abgesattelt machen wir uns auf um in der weiten Graslandschaft nach Holzresten der weggezogenen Jurtenlager zu suchen. Bisher gab es noch keinen Tag an dem wir nicht genug Feuerholz für uns gefunden haben. Das Problem mit dem kaputten Kocher hat sich demnach auch in Wohlgefallen aufgelöst. Abgesehen davon ist es entschieden effektiver die Nahrung mit Holz zu zubereiten als mit Gas oder Benzin. Durch die große Hitze kocht das Wasser entschieden schneller und noch dazu wärmen uns die Flammen.

Während Tanja sich ein vegetarisches Essen zubereitet kocht Bilgee das Trockenfleisch unserer Ziege. Seit ich weiß auf Ziegenfleisch mit Diarrhöe zu reagiere esse ich keinen Bissen mehr davon. Bilgee hat am Morgen ein Murmeltier geschossen welches Ulzii gerade ausnimmt. „Das wird dir bekommen und Kraft geben“, sagt Bilgee freundlich. Weil ich kein Spielverderber sein möchte und auch neugierig bin wie so ein Murmeltier schmeckt habe ich den Beiden versprochen davon zu kosten.

„Ulzii komm, das Essen ist fertig!“, ruft Bilgee seinen Begleiter. Ulzii ist gerade damit beschäftigt dem armen Murmeltierchen das Fell über die Ohren zu ziehen. Er lässt seine Arbeit ruhen und setzt sich zu Bilgee ans Feuer. Genüsslich verspeisen sie gekochte Nudeln mit Kartoffeln, Zwiebeln und Ziegenfleisch. Wüsste ich nicht die fatalen Folgen würde ich mit zuschlagen. So aber sehe ich hungrig wie ein Wolf zu und warte bis Ulzii wieder seine Arbeit aufnimmt. Tanja ist vor der Kälte schon ins Zelt geflüchtet während ich noch immer dasitze und auf mein Murmeltier warte. Dachte Bilgee bereitet heute Abend ein köstliches Mahl daraus. Zu meiner Überraschung aber hat er das ganze nicht appetitlich aussehende Fleisch in einen Topf mit Wasser geworfen, um es zu kochen. Interessiert hebe ich den Deckel um zu sehen was mich erwartet. Als ich den kleinen Kopf, die Augen, das gebrochene Rückrad und die vier Beinchen sehe habe ich kaum noch Hunger.

Es ist bereits stock dunkel als das Fleischgebräu fertig ist. Bilgee stellt mir den Topf hin und fordert mich auf etwas daraus zu verspeisen. Gequält lächle ich ihn an und nehme mir eines der vier Beinchen. Erwartungsvoll sieht er mich an. „Ist nicht fett“, sagt er führsorglich weil er weiß dass ich kein Fett mag. Das Beinchen ist in der Tat nicht fett dafür aber recht zäh. „Schmeckt interessant, fast so wie Hühnchen“, sage ich und da mein Hunger gewaltig ist verdrücke ich noch ein weiteres Beinchen. „Du kannst alles haben“, meint Bilgee höflich. „Nein danke. Ich lasse euch noch etwas fürs Frühstück. Abgesehen davon braucht doch Mogi auch ein wenig Fleisch. Ansonsten wird er auf dem Trip noch zum Vegetarier“, lehne ich dankend ab. Nachdem Bilgee und Ulzii sich dann ins Zelt zurückgezogen habe hole ich mir noch eine Packung mit gefriergetrockneter Fertignahrung um meinen knurrenden Magen ein wenig zu beruhigen. Dann stelle ich alles Zusammen, richte die Schlafstelle für Mogi und schlüpfe frierend ins rettende Zelt.

Nachdem ich mich erstmal in unserem Expeditionsschlafsack aufgewärmt habe richte ich mich darauf ein meine täglichen Aufzeichnungen festzuhalten. Leider geht das nicht mehr so einfach wie zu Beginn der Reise. Bevor ich anfangen kann muss ich den eiskalten Laptop erstmal zwischen die Beine nehmen um ihn auf Betriebstemperaturen zu bringen. Je nach Kälte dauert das bis zu 30 Minuten. Damit ich dabei nicht völlig unterkühle und mir meine Hoden abfriere, lege ich meine kleine Wärmflasche darauf. Leider hat sie nach dem Aufwärmjob ihre Wärmkraft verloren aber ich kann zumindest schreiben ohne wieder ein Problem mit der Festplatte zu bekommen. Ich weiß, dass ich mich wegen der Kälte und den damit verbundenen Schwierigkeiten des Schreibens wiederhole aber die verdammte Kälte wiederholt sich ja auch.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen:
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Satellitentelefon Explorer 300 und das Durabook der Fa. Gesat sind die Stützsäulen der Übertragung aus der Steppe.